Polarisiert - Wo stehen wir als deutsches Land in dieser undeutlichen Welt? Was hätten wir lieber in der Hand? Massenwohlstand oder Elitegeld? Ein Schatten schleicht sich leise um die Häuser der Massen herum - Die Armut umschlingt die äußeren Kreise und meidet zynisch das Zentrum. Menschlichkeit ringt mit Patriotismus - ziehen wir doch alle an einem Strang. Auch wenn dabei der Geldfluss sich richtet nach Klang und Rang. Das Herz der Massen war immer tief, immer treu und immer gespalten. Versucht, gerade zu stehen, doch die Lage ist schief. Was tun? Aushalten? Ausrasten? Verwalten? - Polarisiert. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
2022
BAUCHGEFÜHLE
Irgendwas wächst in meinem Bauch Da ich weder schwanger bin noch mich krank fühl Bleibt nur die eine Schlussfolgerung: Es wächst in mir ein Bauchgefühl. Eine gewisse Ungewissheit - Oder eine ungewisse Gewissheit? Denn das etwas ist, das weiß ich gewiss, Nur ist das genaue Wissen etwas ungewiss. Dieses Warten auf Bestätigung Und, manchmal, Hoffen auf Widerlegung… Schweigen war immer mein bester Freund Und riet stets leise zur Vorbereitung. Auf Veränderung, denn Menschen ändern sich; Auf Wiederholung, denn Menschen bleiben gleich; Weißt Du noch, als ich Dein Bauchgefühl war: Und eroberte tatsächlich wie befürchtet Dein Reich. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MITTAGSPAUSE
Auf die Schnelle hole ich mir ein Stück Langsamkeit aus der Mittagspause heraus - Eine Stunde ausgedehnt durch Insichgehen. Ein verinnerlichter Moment in der Ferne ist wie eine Ewigkeit Zuhaus. Aus dem Fenster schauend betrachte ich das Vollenden des Waldes Belaubung in seiner Unaufhaltsamkeit. Lang lebe das Wachsen Lang lebe das Reifen Lang lebe die Langsamkeit. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MAL SO MAL SO
Mein Herz ist ein Loch. Manchmal steigst Du rein Manchmal steigst Du raus Und beides fühlt sich gut an. Wir sind mein Zeitempfinden. Wir werden zusammen alt Wir bleiben zusammen jung Und beides fühlt sich gut an. Dein Herz ist meine Aufgabe. Manchmal verstehe ich Dich Manchmal verwirrst Du mich Und beides fühlt sich gut an. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LÄCHELN OHNE GRUND
Sinn gestern ist heute sinnlos. Was ist Wirklichkeit? Macht macht machtlos. Wissen stimmt unwissend. Wo findet das Leben statt? In dem, was ein Mensch ist Oder in dem, was er hat? Du würdest fast denken, die Mächtigen sind wirklich mächtig, nur weil sie die Wehr- und Mittellosen brandmarken als verdächtig. Manchmal wohnt ein Lächeln in Dir. Du weißt nicht weshalb, warum, woher. Es hat keine Meinung zu Weltthemen. Als käme es - und Du - von irgendwo anders her. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TIERAUGEN IM ZOO
Das war heute ein schöner Nachmittag,
was für mich sicherlich daran lag,
daß der Mai seine sanfte Sonne freigab.
Großherzig umspülte mich Euer Lachen,
brachte mich nach der Arbeit zum Erwachen;
müde, weil lange Heimflüge platt machen.
Ausflug in den Zoo, trotz Sonne und Eurer Wärme
für mich immer Hart – und nicht wegen der Lärme.
Menschen, nicht Tiere, bilden die Schwärme.
Bewegungsdrang bei uns freigesetzt,
bei ihnen gebannt aber niemals ausgesetzt;
gerettet, unverletzt, gefangen im Hier und Jetzt.
Da sind sie wieder, meine Gedanken,
hin und her zwischen Lob und Kritik schwanken,
während sie mit meinen Empfindungen zanken.
Da ist es wieder, mein Grundempfinden:
in lebendige Augen schauen, um zu finden
nichts, womit mein Zwiespalt zu überwinden.
Augenblicke, die haften und bleiben,
in mir wortlos ihre Botschaft weiter schreiben,
wie Tiere im Gehege ruhelos herum treiben.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNE SIRENEN
In der Dichtung wirkt Magie, denn kindliche Poesie umgeht die schwer analysierende Energie kopfgenagelter Akademie, die zersägt und verdreht. Klug. Die Menschheit ist so klug. Zu klug für Einfachheit. Der Verstand ist sich selbst genug, doch niemals genug für den Höhenflug innig feinster Innerlichkeit. Manchmal nach beendetem Gedicht starre ich aus dem Fenster. Heute sehe ich Toronto‘s Gesicht, leise Hochhäuser im milden Sonnenlicht und ferne Sirenen wie Gespenster. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GESICHTER
Die Gesichter. Leinwände menschlicher Geschichten. Jedes Lächeln ein neues Kapitel mit Seiten und Unterseiten. Ein Satz spricht Geschichten, ein Absatz schreibt mehrere Leben in einem Abenteuer von Liebe und Verlust. Scherz schmückt manch einen Leidensweg aber Schmerz kann man lesen, immer, Verzweiflung beobachten wie einen Film, der sich langsam entwickelt - Alle Bilder sind beweglich, selbst der Toten. Zwischen den Zeilen weilen Zweifel und Angst, List nimmt immer einen und noch einen Twist. Hass war nie eine Maske, Frag jemand, der schonmal hasste. Doch die Geschichte der Freude ist die Liebesgeschichte zwischen Sonne und Hoffnung. Es gibt aber eine Seite, die ich immer und immer wieder neu lese - Das ist die der Entschlossenheit. Schau einem Menschen einmal tief ins Gesicht: Der Blick, mit dem er Dich trifft, das ist sein Gedicht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FLUGHAUFEN
Flughaufen. Die Welt am Laufen. Die Ferne kann man kaufen, Nähe nicht. Ein Haufen Sehnsucht. In Schlaufen gebannte Flucht. Wir verkaufen Zuflucht, Zuhause nicht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ATME AUS
Wie lang kannst Du den Atem halten? Lügen kannst Du verwalten, Wahrheit nicht. Wie lang kannst Du die Maske tragen? Das Tote kannst Du begraben, Lebendiges nicht. Du hast als Wachstumszeit nur eine dünne Schicht, bis Deine Schwäche zusammenbricht und Deine Stärke ausbricht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
