ALS WÄREN SIE FREMDE

Als wären sie Fremde
blicke ich auf vier Menschen zurück,
unterschiedlich wie die vier Jahreszeiten -
jeder von meiner Vergangenheit ein Stück.

Einst kannte ich sie,
heute betrachte ich sie auf alten Bildern
und im Gedächtnis wie verstorbene Freunde -
anders kann ich das nicht schildern.

Wie die Zeit und die Welt
uns unmerklich doch sicher verändern -
Kinder wachsen, Freunde gehen,
wir finden Nähe in entfernten Ländern

und lernen leben als Fremde an deren Rändern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER FRÜHLING UND DER SPÄTLING

Der Frühling und der Spätling,
so wird ihnen oft berichtet,
sehen und fühlen sich ähnlich -
einer singt, was der andere dichtet.
Wo unterscheidet sich Gestalt vom Inhalt?
Der eine spiegelt, was der andere malt.
Das Herz bleibt gleich, ob jung oder alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLEICHARTIGKEIT

Wie definiert man Gleichart?
Sind Steine und Worte gleich hart?
Sind Kinder und Pfeile, á la Kahlil Gibran,
ähnlich Wirkende im Lebensplan?
Wie erkennst Du eine Dir ähnliche Seele?
Gleiche Schmerzen oder gleiche Ziele?
So unterschiedlich Winter und Sommer sind,
so ähnlich sind Herbst und Frühling.
Auch wenn der eine die Blätter verliert,
mit denen der andere den Wald dekoriert,
färben sie beide meine Empfindungswelt
auf einer Art, die mein Gemüt erhellt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEIN IST GROSS

Nicht große Dinge verletzen,
sondern kleine.
Nicht grobe Verrate perplexen,
sondern feine.
Vertraute, die über Dich schwätzen -
schmerzlicher als Steine.
Fremde, die Dich falsch einschätzen
und Du bist alleine.

Schmal ist der Pfad, eng die Tür,
eine Wunde der Fluss, der führt zu mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GROSS UND KLEIN

Große Schritte brachten mich nie so weit
Wie kleine Schritte in ihrer Einfachheit.
Große Lieben befriedigten mich nie so ganz
Wie kleine Lieben und ein bisschen Distanz.
Große Geister lehrten mich nie so viel
Wie kleine Menschen mit einem schlichten Ziel.
Große Ideen werden nur dann zur Realität,
Schenkst Du kleinen Ideen Deine Loyalität.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS LEICHTESTE IST DAS SCHWERSTE

So leicht ist es, einen Menschen
zu töten. Eine Kugel ist ein dichtes Buch,
deren Seiten noch Jahre her gelesen werden.
Wie ein Samen, aus dem ein Baum wird,
drängt sie ins Herz Deines Schicksals ein,
speichert Deine Geschichte
für nachfolgende Generationen.
Aber erst nachdem sie geendet ist,
beendet wurde.

So leicht ist es, einen Menschen zu töten.
Etwas sehr Kleines, Winziges, Unscheinbares
genügt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AM UFER EURER INNENRÄUME

Ich wiederhole Worte
in der Hoffnung,
sie werden Euch etwas erklären
unabhängig vom Gedicht,
in dem sie eingebettet sind -
Die Gedichte sind nur Fähren.
Immer wieder landet
zum Beispiel die Empfindung,
einer von vielen blinden Passagieren,
am Ufer Eurer Innenräume.
Was danach passiert, werde ich
nur in meiner Empfindung erfahren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLIGKEIT SCHÜTZT NICHT VOR EINSAMKEIT

Die erdrückende Oberflächlichkeit
eines Lebens ohne Anbindung -
Sprache führt in die Tiefe. Sprachlosigkeit
verspricht ihre eigene Verbindung.
Warum reden, wenn Schweigen
der Schlüssel ist zum Aufsteigen?

Die Leichtigkeit der Bedeutungslosigkeit
ist der schwerste Druck zu ertragen.
Geselligkeit schützt nicht vor Einsamkeit -
Die Nähe der Ferne bringt Unbehagen.
Menschen, die alles zeigen,
wollen etwas verschweigen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS GEMÜT

Das Gemüt, zum Ausdruck gebracht,
macht auf die Gemüter einen tiefen Eindruck.
Das Menschliche, wenn es weint oder lacht,
gibt uns unser Menschentum zurück.
Das Gewissen, einmal aufgewacht,
findet in unserem Innenkampf sein Glück.
Wird ein Lächeln nicht in der Seele gemacht,
ist es keine Schönheit, es ist nur Schmuck.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DU EIN SUCHENDER BIST

Du hüpfst über das Mittelmeer
Und verschwindest.
Eines Tages hüpfst Du zurück nach Afrika
Und verschwindest wieder.
Dann hüpfst Du erneut nach Europa
Und verschwindest zum letzten Mal.
Jede Ankunft war ein Abschied.
Jedes Verbinden war ein Verschwinden.
Heimat und Fremdes sind gleichsam fremd
Wenn Du ein Suchender bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung