MÜHSAME BEGEGNUNGEN

Schwarz ist ein Magnet,
zieht weiße Herrschsucht an,
egal wie groß das Schwarz steht,
egal wie klein das Weiß kann -
Die Art scheint die Art zu wecken.
Geschichte war für solche nur Blut lecken.
Das Bewusstsein läßt sich nicht verstecken,
nur bekämpfen und besiegen irgendwann
in jeder Begegnung mit Frau und Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS MODERNE

Wie kann so viel Schönheit
so wenig Schönheit beinhalten?
Die schönsten Städte,
Häuser, Straßen, Plätze,
Kunst- und Architekturwerke,
toll verkleidete Menschen,
nett gestylte Lächeln.

Wie kann so viel Schönheit
So viel Wärme ausschalten?
So viel Armut enthalten?
So viel Einsamkeit kalt verwalten?
So viele Gesellschaftsschichten spalten?
Wie kann so viel Schönheit
so wenig Schönheit beinhalten?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCH MEIN DA-SEIN ALLEIN

Ich lese so viele nachdenkliche Gedanken
in den grübelnden Augen und Blicken
die an mir vorbei gehen im Büro oder zB am Main.

Sie kommen aus einer tiefen Vergangenheit,
laufen an mir in der Gegenwart vorbei,
gehen in eine für sie ungewisse Zukunft hinein.

Was habe ich getan, um so viel Nachdenken
bei Menschen auszulösen, die mich nicht kennen,
einfach nur durch mein Da-sein allein?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS KOMMT DANACH?

Was kommt danach?
Wie sieht es aus?
Ich habe es vergessen.

Sicher gibt es Seen und Matten
und Berge und Bäume und Menschen -
Aber gibt es Palmen und Zypressen?

Wenn ich mich recht erinnere
gab es bei Durst Schönheit zum Trinken,
und bei Hunger Wahrheit zum Essen.

Ich seh einen Hain und eine Bank,
vage, unscharf, aber mich dünkt‘s,
ich habe dort schon mal gesessen.

Ich sehe auch das Gesicht
eines Menschen, er sitzt neben mir.
Aber wessen Gesicht ist das? Wessen?

Ein guter Freund, ich spüre es.
Von vor langer langer Zeit. So lange her,
ich kann es mit Verstand nicht messen.

Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte,
wo die Geister sich gegenseitig
nur Gutes aufs Gemüt pressen.

Was kommt mir nach der Erde,
nach Nigeria und Deutschland,
nach Biafra und Lagos und Hessen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE MACHT DER WORTE

Unser ganzes Leben ist
ein Versuch, unseren Körper,
diese schwere Fleischlast,
unseren Gedanken und Empfindungen
hinterher zu schmeißen.

Doch alle Flugzeuge der Welt,
alle Autos, alle Züge, Fahrräder
und selbst die flinkesten Beine
schaffen es nicht, Schritt zu halten
mit dem Zug unseres Innenlebens.

Nur diese Dinge - Mund, Zunge
und die Hände - haben die Macht, annähernd
den Gedanken und Empfindungen
zu entsprechen… und zwar dann,
wenn sie Worte formen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KINDERFILME

Alles ist Deine Erinnerung. Auch die Kinderfilme Deiner kleinen Kinder, die Du damals mit ihnen geschaut hast, als das Elternteil in Dir selbst auch noch ein Kind war. Auch diese Filme werden Dich eines Tages weich und nostalgisch stimmen, wenn Deine Kinder keine Kinder mehr sind und Erinnerungen alles sind, was Ihr noch an das habt, was jetzt für immer vergangen ist.

Aus dem Zimmer schlich leise eine Filmmusik zu mir, die mich mit einem Schlag in die Vergangenheit versetzte. Überrascht ging ich hinein und sah meine 13-jährige und meinen 9-jährigen genüsslich mit ihrer Mutter „Tinkerbell“ sich anschauend. Tinkerbell?!?!, fragte ich sie verblüfft. Wieso? Sie schüttelten lächelnd mit den Schultern. Einfach so. Wir haben uns daran erinnert und hatten Lust, ihn mal wieder zu gucken.

Und ich habe mich ebenso erinnert. Ich sah eine 7-jährige und einen 3-jährigen auf einem enormen Sofa, liegend zwischen meiner Frau und mir, während wir alle den damaligen Lieblingsfilm der Kinder uns anschauten. Es war eine lange Zeitlang unser fast tägliches Familienritual.

Wo ist diese Zeit hin? So viel kann in sieben Jahren passieren. Sehr vieles hat sich verändert. Ich sehe nicht mal dasselbe aus wie damals und habe gefühlt aus einem langen Traum geschlüpft. In ein paar Wochen werden die Kinder 14 und 10 und sind mittlerweile sehr eigenständig geworden, anders. Ihre Mutter auch, wir haben uns alle stark weiterentwickelt im (Innen)leben. Ein Kapitel ist endgültig vorüber.

Und ich erkannte, daß nicht allein die Anzahl an Jahren ein Heute von einem Gestern trennt kann. Auch innerhalb weniger Jahren kann eine neue Welt entstehen, wenn Natur oder Erfahrungen Menschen verändern.

Nur eines verändert sich nicht, der innerlich flüsternde Dichter, der mir sagt: Auch heute, so banal und normal er wirkt, auch dieser heutige Tag der Erinnerung wird morgen wieder Deine nostalgische
Erinnerung sein. Nimm ihn ernst. Erlebe ihn bewusst. Speichere ihn mit Liebe und Dankbarkeit in Deinem Geiste auf. Er könnte morgen Dein nächster Kinderfilm sein.

Che Chidi Chukwumerije

ZWEI STAATEN, EIN LAND

Zwei Völker
Zwei Herzen
Zwei Sprachen
Zwei Glauben
Zwei Welten
Zwei Staaten
Ein Land.

Wer reicht, wer akzeptiert, ehrlich die Freundschaftshand?
Wann gewinnt Versöhnung beiderseits die Oberhand?
Religion ist niemals des Glückes Unterpfand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERDBESUCHER

Hier bin ich doch nicht Zuhause
Die Frage ist nicht, ob ich gehen werde
Sondern wann. Eine riesengroße Erde
Voller Heimatlose suchend ohne Pause

Und findend nur mehr Heimatlose
Die wie sie nicht teilen wollen
Eine kleine Erde, die wir alle teilen sollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSRE KLEINE NACHTMUSIK

Wenn wir wollen,
können wir, sollen
wir stöhnend in Mollen
Liebe machen.

Schlafen und aufwachen
und weitermachen und lachen,
in unsrer Nachtmusik verschollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE OFFENE ALTE WUNDE

Aus jedem neuen Munde
blüht eine offene alte Wunde
Armageddon ist im Grunde
eine stets wiederkehrende Stunde
Kompromisslosigkeit macht die Runde
Die Raketen geben laut Kunde:
Religion liegt mit Politik im Bunde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung