HERZ ZU HERZ

Komm mir nicht zu nahe
um zu hören, was ich flüstere
Nähe macht nicht lauter
das Helle oder das Düstere
eines Menschen Inneren.

Allein das Herz entziffert
was das Herz leise flüstert.

Ich weiß nicht, wo Du jetzt seist
Du bist schon so lange fort -
Bist auf der Erde oder im Jenseits?
Dennoch höre ich Dein jedes Wort
in meinem Inneren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

NUR DIE GEGEWART

Es gibt nichts wie 2024
Es gab nichts wie 1924
Es wird nichts geben wie 3024
Es gibt immer nur die Gegenwart,
den Augenblick des ewigen Geschehens
Ich wart und ich wart und ich wart
auf die Wiederholung des Erstehens
unserer Magie
Eine Zukunft, die schon gestern war.
Erwartung und Nostalgie
sind Illusionen, nur handeln ist wahr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUGEHÖRIG WEIL ANDERS

Du gehörst dazu
Du wirst gehört dazu
denn Du hörst zu
und spürst dazu

Du hörst das Verschwiegene
und spürst das Unbeweisbare
Du bist das Ergänzende
und sagst das Unfassbare

Anders sein ist viel mehr Wert
als gleich oder ähnlich sein
Die Instrumente in einem Konzert
müssen unterschiedlich sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

TIEFER VERSTEHEN

Schmerz, Du tröstest mich,
da die Freude zu schwach war
um mich zu verstehen wirklich -
sie dachte, alles sei wunderbar.
Aber Du, Schmerz, bist tiefer,
Du kennst, verstehst, mich besser,
denn Du warst stets an meiner Seite
von Anfang an - und bis zum Ende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN WELLEN

Wie Blätter vom Baum
fallen Menschen von mir ab
Einige hängen noch am Saum
zarter Gefühle, die ich noch hab
aber sie werden zu Schaum.
Mein Herz ist ein ferner Strand
durchzogen von Dauerwellen. Kaum
rollt die eine weg von seinem Sand,
schafft es schon der Nächsten Raum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE FLAMMEN

Manch einer, der für die Politik
keinen Sinn zu haben scheint,
wird zur Veränderung der Politik
mehr beitragen als es jetzt scheint,
weil er Empfindungen umrührt
und Gedanken zum Weiterdenken anführt,
das Systeme überdenkt und Menschen vereint.

Bleib deshalb, wer Du bist.
Deine Art ist wichtiger, als Du ahnst.
Menschen erreichen, Menschen veredeln,
im Kleinen den Sinn für Frieden einfädeln,
Werte reinhalten, die andere besudeln.
Das, dem Du den Weg frei bahnst,
ist tiefer als heute die Welt noch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LAUERNDE WUNSCH

Es ist ach leicht,
der Illusion zu glauben.
Ein Wunsch reicht,
um uns zu berauben
unseres Sinnes für Richtigkeit.

Da hockt er lauernd
irgendwo in uns:
Ein Wunsch, der dauernd
sich übt in der Kunst
schlauer Unbeweisbarkeit.

Bis die Gelegenheit da ist,
die Erfüllung zu ergreifen … -
Das macht er mit einer List
zu schamlos zu begreifen
für menschliche Empfindungsfähigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE NATUR DES WUNDERS

Der Herbst fängt wieder langsam an,
zu spüren, daß er anders ist,
als alles, was er um sich sehen kann,
denn das, was des Sommers ist,
so schön es ist, ist nicht sein Haus,
weil er, der Herbst besonders ist -
er errötet dann und zieht sich aus,
weil das die Natur des Wunders ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EHEMALIGER SOLDAT

Wie viele hat er damals umgebracht?
Schwer zu sagen - er hat nicht gezählt.
Hat er jemals danach an sie gedacht?
Schwer zu sagen - er hat nie erzählt.
Es war halt ein Krieg.
Es zählte nur der Sieg.
Wie es heute in seinem Gewissen aussieht,
behält er für sich. Ein Verlangen, das stark anzieht,
brennt in seinen Augen wie ein Schrei aus seinem Gemüt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄUSSERLICHKEITEN

Wir feiern Feiern
Wir beneiden Beneiden
Wir verschleiern Verschleiern
Wir leiden Leiden
Um äußerlich gut dazustehen
Um äußerlich gut auszusehen
Wie weit würden wir noch gehen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung