KEINER IST VOLLKOMMEN

Keiner ist vollkommen -
Die, die Dir am nächsten sind,
werden es Dir belegen.
Weil sie Dir am nächsten sind.

Suchst Du die Frommen,
suche nicht unter Deinen Freunden.
Nur die neben Dir einst gelegen,
können Dich verleumden.

Aber angenommen
Du verzeihst nicht, wenn sie bitten,
wirst Du den erhofften Segen
auch draußen nicht finden bei Dritten.

Denn keiner ist vollkommen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER

Ich brauche Tiefe.
Hast Du sie?
Willst Du zu mir, bring sie mit.
Den innigen Blick,
den tiefen und tiefer gehenden Schnitt.

Ich habe Tiefe.
Brauchst Du sie?
Willst Du zu mir, werde grenzenlos.
Wo ich stehe, und täglich tiefer hinein gehe,
ist bodenlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN VIELFÄLTIGES HERZ

Klopf Klopf!
Wer ist da?
Ich klopfe nicht, Conga, ich trommele
Ich bin keine Conga, bin Dein Herz
Wieso wohnen so viele Lieder in Dir denn?
Das sind keine Lieder -
Sondern?…
Das sind Geschichten und Empfindungen
Wessen? Wo kommen sie her?
Sie sind Deine
Aber sie sind so viele und so merkwürdig
Ja, das ist Dein Herz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES POESIE

Poesie ist Leben.
Ist Streben und dabei weben.
Ist Geben, alles geben.
Und ist Loslassen und vergeben.

Poesie ist Lieben.
Ist in einander schieben
Getrieben
Und sich gegenseitig sieben.

Poesie ist Leiden.
Ist Oberflächlichkeit vermeiden.
Schwerter in Scheiden oder Seiden
verkleidet sind unruhig in beiden.

Poesie ist vieles, alles fast.
Alles, was Du einst erlebt hast,
verdichtet, in einem Satz erfasst,
und es fällt von Dir ab wie eine Last.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWEIGEN, EINE SPRACHE

Schweigen, eine Sprache, Weltsprache,
oft schwieriger zu lernen als Englisch 
oder Swahili, schwieriger zu lesen als
Russisch, Chinesisch oder Arabisch,
schwierig zu verstehen, zu deuten, und 
am schwierigsten eloquent zu sprechen. 
Eine Innenweltsprache.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUS DER TIEFE

Ich bin aus der Tiefe aufgetaucht
um auf der Oberfläche zu leben
Aber jetzt fehlt mir die Tiefe wieder,
das innere Weilen im ruhigen Erleben
wo ich niemandem gefallen mußte
außer meiner inneren Stimme eben.

Die Sonnenuntergänge waren anders
Die Gespräche inniger und wahrhaftiger
Die Alleinsamkeiten waren nicht einsam
Die Bindungen waren unabhängiger
Klarheit, Sicht und Einsicht waren einerlei
und flüstern jetzt: werde wieder lebendiger

Denn die Oberfläche ist oberflächlicher
geworden - und die Tiefe noch tiefer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAUTNAH

Ich spüre Euch so nah
und dennoch so weit
Eure Haut, so nah, trennt uns
Euer Geist, so fern, kennt
und erkennt die Gleichheit,
die unerklärliche Gleichart, in uns
- so weit und doch so nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER NEUE ANFANG

Als aus alten Ländern die neuen kamen
mit alten Zügen und neuen Namen
fragten sich manche, in Gruppen und allein,
was bedeutet es, deutsch zu sein?
Andere fragten sich, was haben wir gemein?,
was bedeutet es, Mensch zu sein?
Wir standen wieder an einem Anfang
einer neuen Gleichart, die uns zwang,
zusammen zu ziehen an einem Strang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MOND

Eine Wölfin -
Warum streift sie allein durch den Wald?
Weiß sie nicht, ich komme bald?
Hörst Du sie heulen, redend mit sich
Tröste sie nicht, das mache ich
Berühre sie nicht, sonst beißt sie Dich.
Die Wölfin in Deinem Wald
Sie heult für mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MANCHMAL

Einmal
ist manchmal
wie tausendmal
auf einmal.

Zweimal wäre einmal
zu viel

Dreimal wäre so viel
Wert wie keinmal.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung