DISTANZEN MESSEN

Gib Deinen Freunden, mit oder ohne Streit,
mal die Gelegenheit, Dich zu verletzen -
sonst wirst Du sie nie wirklich kennen.

Nichts ist schlimmer, als die ganze Zeit
einen engen Freund falsch einzuschätzen.
Ihr müsst Euch aber nicht gleich trennen…,

nur die für Euch passende Distanz erkennen;
zu der könnt Ihr Euch auch ehrlich bekennen.
Denn wenige kann man wirklich Freund nennen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HASS FÄHRT IM KREIS

Sie fahren im Kreis
und kommen da an
wo ihre Irrfahrt begann
und fahren weiter im Kreis.

Der Hass hasst den Hass
und der Hass hasst den Hass zurück.
Der Teufelskreis endet im Unglück…
und fährt weiter. Bodenloser Fass.

Bodenlose Fassungslosigkeit.
Entweihte Weihnachtszeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung.

WENN SCHMERZ EINE BLUME WÄRE

Wenn Schmerz eine Blume wäre,
wären unsere Herzen Gärten -
Träume, die wir gestern nährten;
Sorgen, die in uns einst gärten
und uns das Hoffen erschwerten;
Der Verlust früherer Gefährten;
Alle blühten auf in unseren Gärten,
wenn Schmerz eine Blume wäre.

Tränen süß wie Regen,
die das Verlangen erregen,
die Sehnsucht nach dem Licht -
Ein Herz, das bricht … und aufbricht
dem Licht entgegen fieberhaft
mit tausendfacher Blumenkraft!

Wenn Schmerz eine Blume wäre,
wären unsere Herzen blühende Gärten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNWISSEN WISSEN

Du musst inmitten des Andersartigen gewesen sein,
um Andersartigkeit zu begreifen. Diese Erfahrung allein
lässt in Dir den Sinn dafür überhaupt entstehen,
daß der Vielfalt der Realität weiter geht als Dein Verstehen.

Die, die immer alles besser wissen,
sind es, die am wenigsten wissen.
Alles wissen ist nichts wissen -
Nur Gott hat Allwissen, Allweisheit.

Aber auch das ist schwer zu verstehen
und, selbst für die, die es verstehen,
ist es schwer, es richtig zu verstehen -
Dies zu verstehen ist Weisheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS HERZ IN DER ECKE

Ich habe Distanz und Distanziertheit
mit so vielen Menschen intim geteilt -
Und je intimer die geteilte Zweisamkeit,
desto mehr habe ich mich gelangweilt.
Das Herz kann in einer Ecke leise sitzen,
dem Treiben seines Besitzers still beisitzen,
hoffend, eines Tages etwas Wahres zu besitzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

SICH VERZEIHEN

Waren wir uns je ähnlich?
Waren wir je unterschiedlich?
Gleich und gleich bekämpft sich gern
Wir sind uns nah, wir sind uns fern
Wie da ein Stein und da ein Stern
die doch dasselbe sind in ihrem Kern.
Wunden, tief, sind nicht unverzeihlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VON WENIGEN WAHRGENOMMEN

Manchmal steigt
von Wenigen wahrgenommen
ein Geist aus dem Unbegreiflichen
auf die Verstandesebene nieder

Und wie aus dem Nichts kommen
neuartige Gedanken zu Dir wieder
und jene merkwürdigen Lieder
die, undeutlich, verschwommen,

langsam wieder verschwinden,
dann schnell und immer schneller…
bis Du anfängst, zart zu empfinden,
und hell wirst und immer heller.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UMFANG DES DRANGES

Ein schnelles Rein und Raus,
oder auch langsam und lang -
Die Welt ist mein Haus,
immer bereit zum Empfang
des uferlosen Umfanges
des unersättlichen Dranges
des heimsuchenden Hanges.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

WOHIN

Ich fühle mich Zuhause
wenn ich von Zuhause
weit weg bin -
Das Fremde ist mir innigst vertraut
der Weg dorthin meine zweite Haut,
mein ständiges Wohin.

Vielleicht kreuzen sich unsere Wege,
bist Du wie ich auch so unruhig, so rege,
stets neu am Beginn.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WUNDEN

Ich besuchte eine Wunde
und sie war offen
klagte aus weinendem Munde
Ich kam näher, selbst betroffen

Die Wunde war empfindlich
und aufmerksam und klug
zog mich an sich unwiderstehlich
wich mir aus mit feinem Betrug

Ich hob meinen Zeigefinger
und legte ihn an die Wunde
Sie seufzte vor nichts geringer
als der Hoffnung, ich gesunde.

Doch kein Mensch kann Dich heilen
denn wir alle bergen eigene Wunden
Nur wenn wir Ehrlichkeit teilen
hätten wir Linderung gefunden.

Ich besuchte eine Wunde
und sie war zu -
Doch sie begriff mich in unserem Abgrunde
und öffnete sich mir ab und zu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung