DIE DUMMEN LACHEN

Die Straße spricht jede Sprache
Schritte fallen lautlos und stumm
Die stummen sind nicht dumm

Die Dummen lachen, wenn ich lache
verstehen mein Lachen aber nicht
Sie sprechen jede Sprache
überleben auf der Straße aber nicht

Kritisieren alles, was ich mache
sehen den Schmerz auf meinem Gesicht
und denken, daß ich lache.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSTÄNDNIS

Wir werden uns missverstehen.
Das ist unsere Art, uns zu verstehen.
Uns ehrlich zu verstehen.

Wir werden uns verstehen.
Das ist unsere Art, uns zu missverstehen. 
Unehrlich zu einander zu sein
und uns zu missverstehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JEDES MAL

Halte mich so schön
wie das erste Mal
selbst wenn es das letzte Mal
wäre

denn irgendwann ist das letzte Mal

und jedes Mal könnte
wieder
das erste Mal sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DEINES PFEILES ZIELSCHEIBE

Ob Du es magst oder willst oder nicht
kommt der Augenblick als wär‘s seine Pflicht -
Und je länger er gärt, bevor er kommt,
desto reifer die Ernte, aus der er strömt.

Nichts, was ein Menschengeist sät,
kehrt nicht einst zurück wie ein Komet,
kommt er früh oder kommt er spät.

Denk daran, wenn Du heute böse tust -
Deines Pfeiles Zielscheibe ist Deine Brust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS STILLSTEHENDE ZIMMER

Die Jahre fliegen
vorbei wie im Traum
Schwindelig wird‘s
dem Mitreisenden kaum
Wie in jedem Zimmer
so in jedem Zeitraum -
Still, bis empor Du kletterst
Deinen Schicksalsbaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE BLUMEN

Deine Blumen blühen schon lange
und blühen schon lange als Dauergäste
im Garten meiner ältesten Empfindung.
Ein Baum hat Arme, wir nennen sie Äste
und sie tragen viele Umarmungen,
wir nennen sie Blumen, und als eine Geste
ihrer Reinheit streicheln sie uns äußerlich
nur zart, und drücken dabei innerlich feste.
So sind Deine Blumen drinnen mein zartes
Herz und draußen meine kugelsichere Weste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE GÜTE

Die Güte, die unsichtbar
über dem Menschsein schwebt,
hoffnungsvoll und verzweifelt,
und dann wieder hoffnungsvoll, hörbar
auch in Ungesagtem, Unsagbarem,
das ständig gesagt wird, wenn
Augen und Schicksale zum gemeinsamen
Meistern des Lebens und des Liebens
im tagtäglichen Wundern sich treffen,
diese Güte wie ein Mond schwebt
über unseren Herzen, die wie die Gezeiten
mit tanzen und mehr wollen.
Mehr Menschlichkeit, mehr Freundschaft,
mehr Neugier, mehr Güte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SACHE SELBST

Ein Haus stand neben einem Fluss
Doch es ist der Fluss, der heute noch steht
Und das Haus, das weggeflossen ist.

Der Reisende ist immer an seinem Ziel.
Der sein Ziel erreicht hat
Spürt irgendwann wieder die Sehnsucht
Nach einer höheren Form der Vollkommenheit.

Die Formen ändern die Gestalt ihrer Erscheinung
Die Sache selbst bleibt, was sie ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE GROSSE WELT

Die Welt ist kleiner als Du denkst
Du trittst an sie heran
aber Du kommst nicht hinein –
Warst Du aber drin,
kommst Du nicht mehr heraus.

Die Welt ist größer als Du denkst
Überall triffst Du sie
Überall kommst Du rein
wenn Du die einfachen Sachen suchst
und siehst und selbst tust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBST TREU

Die Ratte wird eine Ratte sein -
ob sie Dir hässlich erscheint oder schön,
wird sie weiterhin Ratte sein
und die Dinge tun, die Ratten tun.
Dir mögen sie ekelhafte Dinge sein -
in ihrer Welt sind sie richtig und schön.

Meine Aufgabe ist es, Mensch zu sein,
ich zu sein und über dem Ganzen zu stehn!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung