DER AM ÄUSSEREN RANDE LEBENDE

Der am äußeren Rande lebende Mensch
denkt, daß das, was er äußerlich sieht,
alles ist, was er ist, Essenz seiner Existenz,
sieht nicht, was durch alle seiner Schichten zieht,
ein unsichtbarer Faden gewurzelt in seinem Geist,
der niemals zerreißt.

Der am äußeren Rande seiner Persönlichkeit
lebende Mensch sieht nur sein Äußeres:
körperliche Merkmale, Kultur, Stand, Gesundheit,
Zustand seines Erdenlebens. Doch unser Inneres,
Deine und meine, sehnt sich nach dem Höheren
in unserem Inneren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TÄGLICH ALLES

Wenn jedes Gedicht ein Schritt ist,
welchem Gedanken nähere ich mich?
Wenn jeder Gruß ein Abschnitt ist
der menschlichen Reise ins Friedensreich,
wenn ich da ankomme, sehe ich Dich?

Wenn jede Trennung ein Tritt ist
in den Hintern, weil Du weiter gehen musst,
weiter suchen musst, hast Du noch Lust?
Wenn jeder Tag ein Zeitlimit ist,
erfüllst Du täglich alles in Deiner Brust?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDE KULTUREN

Diese merkwürdigen Momente,
in denen eine fremde Kultur zu Dir spricht
und in Dir jemand sich angesprochen weiß,
der ein Teil Deines Innersten ist
aber meistens in mitten Deines Innigsten schweigt,
als wärest Du zwei Menschen ein Gesicht -
ein Einheimischer und ein Fremder -
gleichzeitig, und Du wusstest es bisher nicht.

Ihre Augen wecken unzählige Erinnerungen,
an die Du Dich nicht mehr erinnern kannst,
diese fremden Menschen, die Dir vertraut sind,
als hättet Ihr schon Lebzeiten zusammen getanzt,
ja, schon ganze Leben gemeinsam gelebt,
erlebt, gelernt, geliebt, Samen gepflanzt,
die Inkarnation nach Inkarnation nach Inkarnation
Früchte tragen, aus denen Du Toleranz tankst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEN FALSCHEN WEG ERKENNEN

Schwer ist nicht der Weg,
sondern jedes Bein, wenn
falsch der Pfad ist. Kein Zweck
heiligt jedes Mittel, denn
der Geist weiß, wohin und wie.
Wenn Deine Innere Stimme bockt,
wenn Dein Herz stolpert und stockt,
halte inne, wisse mit Garantie:
Du bist auf dem falschen Weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KRAFT ZUM WEITERMACHEN

Besuche so oft Deinen Schmerz
bis er nicht mehr so sehr schmerzt,
daß Du ihn fürchten musst.

Sei Dir Deiner Stärke bewusst:
Wer aus dem Unerschöpflichen schöpfen kann,
dem hat sich eine Wunderkraft aufgetan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ECHO DER UNSTERBLICHKEIT

Wenn ich wie das Herz wäre,
würde ich 100.000 Mal pro Tag
meine Liebe, die grobe und die hehre,
hinaus senden, einen Heiratsantrag,
an das Leben, dessen endlose Fragen
uns umgeben, dessen Geheimnisse
in uns hervor ragen als Gewissensbisse,
als Empfindungsschübe, die uns plagen,
wenn wir uns seinem Drängen widersetzen.
Das Leben, dessen magische Kräfte
als Freude und Zuversicht uns besetzen.
Du bist‘s, dem ich mich anhefte,
herzklopfend 100.000 Mal am Tag,
sterbliches Echo der Unsterblichkeit.
Und was meine ich mit jedem Herzschlag?
Immer wieder nur: Dankbarkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INDIVIDUELLE SCHICKSALE

Kein Sohn gleicht dem Vater
kein Mensch dem anderen genau
Auf diesem Erde genannten Theater
ist das Sichtbare nur Schau

Unsere Wünsche blenden uns
unsere Ängste, Einsamkeit, Unwissen
Gedankenwolken, Gefühle, ein Dunst
vor des Lebens Geheimnissen

Wir kommen und gehen, mehrmals,
jeder Mensch eine einmaliges Kreatur
Liebe sie, doch binde Dich niemals
an sie. Jedem seine Tour.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHLICHKEIT TEILEN

Glücklich sein ist kein Wettbewerb
Gönne mir meins, ich Dir Deins
Massgefertigte Erlebnisse, jedem Seins

Wie schnell wendet sich das Blatt
Der, der gestern gelacht hat
und der, der gestern geweint hat
haben manchmal heute die Plätze getauscht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PUZZLETEILE

Wir können EINE Gesellschaft sein.
Es ist vielleicht schwer, Vorurteile
abzuwerfen. Aber diese Tatsache allein
zeigt doch welche Bürde alldieweile
wir mit uns herumtragen, Gewichte,
die unsere Geister erschweren. Geschichte,
die träge Vorurteile wiederholt ermöglichte.

Doch ist EINE Gesellschaft niemals
nur eine Gesellschaft. Gleich und gleich
wird sich immer gesellen, des Grals
Gesetz natürlicher Wirklichkeit. Reich-
haltig ist die Harmonie und stete Arbeit,
weil wir Menschen, von Zeit zu Zeit
immer mehr zeigen von unserer Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHWIRKUNG

Es gibt diesen Schmerz.
Wenn Du gehen musst
und der Abschied ohne Herz
erfolgt, weil der Frust
schon vorher gründlich
abgelebt und abgelegt
wurde, zumindest mündlich.
Jetzt gehst Du, unaufgeregt,
auf jeden Fall äußerlich,
und nach dem Du weg bist,
wunderst Du schweigend Dich,
was dieser dumpfe Schmerz ist,
der in Dir teilnahmslos sitzt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung