WACHSEND HARREN

Wenn Du weißt, es ist
noch nicht so weit und Du warten
musst - und Du warten musst -
zwischen Hoffnung und Frust,
Herz voller Leben, voller Lust,
ein tausendseitiges endloses Erwarten
des Endes, des Anfangs. Zum Starten
reicht Deine große Sehnsucht nicht,
Deine tiefe Sehnflucht. Es sticht,
es sticht, die Sicht, die Sicht ist
noch getrübt. Du musst noch warten.
Und harren wachsend im Erwarten.
Die Charakterzüge, Blumen im Garten,
die Dir dabei erblühen, die harten
aber vor allem die geschützten zarten,
werden eines Tages zu Deinen Fahrkarten -
Auf sie tut Dein Schicksal geduldig warten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHÖNHEITSANTENNE

Überall ist anders schön.
Der schöne Schönheitsgeist
sagt lachend: Keinen verpön
ich, alle sind von mir umkreist,
durchdrungen, berührt.
Mit wachen Sinnen blicke herum:
Überall, wo ein Mensch etwas spürt,
hier ist der Grund warum:
In jedem ist eine Schönheitsantenne
und sie fängt das Unsichtbare,
das ich aus jedem Ort sende,
tief in jedem Herzen aufbewahre.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZU MIR

So müde
Ich kann nicht mehr
So müde
Ich darf mich nicht ausruhen
Sonst stehe ich nicht mehr auf.

Uralt und dennoch ewig jung
Ich sehe die Dinge anders
Deshalb mache ich die Dinge anders
Und darf dabei nicht aufhören
Und darf dabei nicht pausieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN BISSCHEN VON UNS

Ich atme die Welt ein
aber auch wieder aus,
Rausgehen ist mein
Weg wieder nach Haus.

Ein bisschen von Dir
ist genau das, was
ein bisschen von mir
brauchte doch vergaß.

Waren wir einst eins
im fernen Paradiese
unbewussten Daseins?
Die Absicht ist diese:

Heraus in die Welt!
Hinein in einander!
Zurück kehren erhellt
an und durch einander!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AMEISEN

Ameisen.
Irgendwie ein guter Vergleich.
Menschen mit Ameisen.
Herumkrabbler im Erdreich.
Nur scheint bei ihnen
mehr Harmonie zu sein -
bei Ameisen, bei Bienen,
alle Tiere haben das gemein.

Ich glaube nicht, daß wir Tiere sind -
sonst herrschte bei uns mehr Harmonie.
Aber sind wir Menschen? … Ich find
wenig Menschliches in unsrer Disharmonie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUES IST IMMER AM GAREN

Der Mensch, der kam, und
der Mensch, der ging, waren
zwei verschiedene Menschen -
Jemand neues ist immer am Garen.

Die Zeit, die Wunden heilt, sie
verwundet auch, sie teilt die
Menschen wie ein Keil und nie-
mand weiß ganz genau wie.

Aber irgendwann ist alles verändert -
Zum Teil ist es erschütternd
Zum Teil ist es ernüchternd
Zum Teil ist es erleichternd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PERSÖNLICHKEITSWANDEL

Ist es auch Dir aufgefallen,
daß er ein anderer Mensch geworden ist?
Und sie auch? Ganz egal wer. Bei uns allen
hat jede Persönlichkeitsphase ihre Frist.

Ich hatte in der Zwischenzeit vergessen,
wie das aussieht, weiße Blüten
im kahlen braunen Wald. Unterdessen
schreitet die Natur voran, bereit zum Brüten:

Ein Schopf weißer Haare hier und da
wächst urplötzlich aus kargen Winterästen -
Der Wald fragt den Frühling Bist Du nah?
Ich erkenne Dich nicht mehr im Entferntesten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WELT IST ÜBERALL

Die Welt ist so groß.
Wer sie einmal da draußen gesehen hat,
wird sie auch bei sich in der Heimat
wiederfinden - sie läßt ihn nicht mehr los -
die Züge sind leicht wiedererkennbar:
der Menschengeist, schwer zu bändigen,
drückt seinen vielfältigen, lebendigen
freien Willen überall aus, immerdar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHLICHE OASEN

Oasen.
Menschen, die anders sind,
denen anders sein nichts anderes ist
als normal sein, denen das innere Kind
innewohnt. Oasen in einem wüst
gewordenen Gesellschaftsringen,
die Sprudelfreude den Dürstenden bringen
und Ruhe und Heilung den Leidenden
wie Menschenblumen in wandelnden
Vasen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAHRT ZUM FLUGHAFEN

Knusprig kalt hält ein
später Winterfremdling am
Südbahnhof zittrig an, planmäßig peilt
er den Norden an, ich den
Süden, da ist es würzig warm, der
Winter dauert hartnäckig an und
ich bin spät dran, innen warm,
außen kalt. Wann kommt endlich
auch meine Bahn?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung