FREUNDE WIE BLUMEN

Freunde wie Blumen
Haben ihre Blütezeit.
Manch eine Freundschaft,
Die heute gedeiht,
Welkt morgen dahin
Mit oder ohne Streit,
Gerät aber niemals
Ganz in Vergessenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AM FALSCHEN ORT ZU SEIN

Der Abend wieder
Ich mache erneut Pause
Und lege mich nieder
Wo immer ich Zuhause
Heute gefunden habe
In meiner Lebensreise
Erst war ich ein Knabe
Unterwegs zum Greise
Jeden Tag ein bisschen
Weiter gekommen
Jeden Tag einen andern
Umweg genommen.

Am falschen Ort zu sein
Ist nicht falsch zu sein
Wenn er, und er allein,
Korrigiert Dein Bewusstsein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESTERN VERSCHWAND

Gestern verschwand so schnell
und wird es täglich wieder tun.
Heute ist gestern’s flüchtiger Appell
an uns, nicht träge uns auszuruhen.

Denn heute ist das fixe Gesicht
von gestern einmalig im Entstehen.
Wir schreiben vor Mitternacht das Gedicht
und so wird es die Welt für immer sehen.

Was für ein Moment der Moment ist,
was für eine Macht seine Macht hat -
den Wachen macht er zum Opportunist,
dem Schlafenden bleibt er ein leeres Blatt:

Bitte nicht wenden
ohne zu verwenden.
Ungeschrieben.
Ungenau und unbeschrieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSUCH ES

Versuch es -
Begegne dem Fremden
als würdest Du einem Menschen
begegnen.

Versuch es -
Begegne einem Menschen
als würdest Du einem Fremden
begegnen.

Wie Du in den Wald hinein rufst
so schallt es wieder heraus.
Nah oder fern, bist Du unter
Menschen, bist Du zu Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WARUM ICH SCHWEIGE

Warum ich schweige,
mich zur Stille neige:
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Beste in mir -
Weil jedes Wort Verrat wär
an das Echte in mir.

Ich würde so gerne
ganz in die Ferne,
Starrem mich entziehen -
innerlich, meine ich -
mich zurück ziehen.

Schweige ich, weine ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERER MENSCH, SELBE HAUT

Auf Deinem Weg in die Klarheit,
Nähere tief, dann meide breit, die Mehrheit -
Die Wenigsten kennen die Wahrheit.

Irgendetwas ist mit mir geschehen:
Ich habe letztes Jahr in alle hineingesehen
Und habe dabei alles durchgeschaut.
Jetzt bin ich: anderer Mensch, selbe Haut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERWANDT

Wir saßen gegenüber voneinander
in der vollen Straßenbahn,
Einander ähnlich in den Augen aller,
die uns in der Ecke sitzen sahn,
Und doch getrennt durch eine unsichtbare
Kluft, die ich deutlich ahn.

Du hier geboren und sozialisiert,
ich in einem afrikanischen Land.
Ich versuch, Deine Augen zu treffen,
doch Dein Blick bleibt abgewandt.
Ich steige bald aus, Du fährst weiter -
wir bleiben einander unbekannt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBER LEBENDE

Sie erleben den Schmerz,
Er belebt ihr Herz.
Das aufgerüttelte Innenleben
Möchte sich ausleben.

Ob sie leben, ob sie sterben,
Über Blumen gehen oder Scherben,
Hören sie nie auf, für die Liebe zu werben.

Ich wollte schreiben über Leidende
Und jetzt schreibe ich über Lebende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESPÜR FÜR WINTER

Manchmal kann ich meine Stimme nicht finden,
Sie versteckt sich irgendwo in mir.
Wer mich empfangen will, muß mich empfinden -
Deshalb hat jeder Mensch ein Gespür.

Das sind die Worte, die still der Winter flüstert,
Ich höre sie im Februarwald,
Im liegenden Zweig, der knurrt und knistert,
Im lauen Wind, der schallt und nachhallt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMETTERLING


Im Land der Stille
wächst der Wille –
und wenn er reif
geworden ist und bereit
durchbricht er die Hüllen
denn er will erfüllen
denn er muss erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung