NATURTRIEB

Das Tier stand und mit stetem Blick
beobachtete den Menschen im Wald,
sah kommentarlos seine Ungeschick,
registrierte still, wie er dann bald
sein Vorhaben erreichte mit seiner Technik.

Ich habe klug mit Geschick und Elan
diesen Wald ins Geld verwandelt,
dachte der Mensch. Das Tier nebenan
dachte, wer so dumm und krass handelt,
hat keinen Platz in der Natur Zukunftsplan.

Der Mensch ging und das Tier blieb,
wie zwischen Herz und Kopf eine Kluft,
aus der sich heraus jeder Dichter je schrieb,
und die Frage hing weiter in der Luft:
Wie zeigt sich der wirkliche Naturtrieb?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WO DU UNZUFRIEDEN BIST

Unruhe!
Der Tag ist ein Tausend Glasstücke
ein Hundert Fenster, ein Boden voller Türen
Ich finde meine Ruhe nicht. Keine Lücke
keine Brücke, keinen Weg hinaus
aus der Ruhelosigkeit. Unterdrücke
mich nicht!, lacht der Bewegungsdrang -
Wo Du unzufrieden bist, da geht‘s manchmal lang!
Also: Ruhe!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE GEDANKEN

Meine Gedanken
Deine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
vereinigen innig sich
werden unzertrennlich
während Du und ich in unseren Leben
einander nicht kennen oder wahrnehmen.

Deine Gedanken
Meine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
treiben aneinander vorbei
spüren keinerlei Gleichart dabei
während Du und ich in unserem Leben
zusammen lebend aneinander kleben.

Ach!, die Welten die unsere Welten tief trennen!
Ach!, die Welten die unsere Welten zusammenklemmen!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE KRIEGE DAUERN NOCH AN

Die Kriege dauern noch an
Sie haben nicht gemerkt, daß es ein neues Jahr ist -
Trauernde Menschen trauern noch
Suchende Geister suchen noch weiter
Sterbende Freundschaften sind weiterhin am Sterben
Verwirrte Köpfe wurden noch nicht gescheiter
Kaputte Beziehungen sind noch kaputt
Enge Herzen wurden nach Silvester nicht breiter
Die in einem Gefühlsloch steckten,
warten immer noch auf eine Himmelsleiter
Warst Du es vorher nicht,
bist Du wahrscheinlich immer noch nicht heiter
Was nützt dem Verstand der Weg ins Neue
ohne die Empfindung als Wegbereiter?
Die Kriege dauern noch an
Sie haben nicht gemerkt, daß es ein neues Jahr ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NIE SIND MEINE GEDANKEN GEERDETER

Nie sind meine Gedanken geerdeter
Als wenn ich fliege. Nie beflügelter
Als wenn ich am Boden stehe.
Freiheit und Gebundenheit sind Verbündete
In des Lebens urältester Ehe:
Die zwischen der Ferne und der Nähe.
Der Stille ist der am meisten Getriebene.

Was bringt ein neues Jahr
Was nicht vorher bereits da war
Als selbsterzeugtes Samenkorn
Von mir ausgeworfen nach Vorn?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HALTE MICH EIN ZWEITES MAL

Halte mich ein zweites Mal
bevor wir uns trennen
Wir werden uns nie wieder sehen
so wie wir uns jetzt kennen
Die Fäden der Veränderung
werden ihre Wege weiter rennen
Wir öffnen ständig neue Bahnen
mit allem, wofür wir sonst brennen
Mit tiefster Intimität also nun
sollten wir uns gegenseitig scannen
Ein letztes Mal voll treffend
uns die Kosenamen gegenseitig nennen
Die ganze Nacht wach bleiben
unseren Traum nicht verpennen
Wir überleben die Trennung eh nicht
lass uns heute uns aneinander verbrennen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE EINES HERUMREISENDEN

Wir gehen runter
und tauchen auf -
Jede Altstadt wird bunter
beim neuen Umlauf.

Die Strassenstimmen
in unterschiedlichen Sprachen -
Und dennoch, sie stimmen,
ob sie weinen, ob sie lachen,

stimmen sie überein
mit allen Strassenstimmen weltweit.
Die innere Stimme ist niemals allein
Inmitten der Menschheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN SCHNEE EINEN FLUSS BERÜHRT

Wenn Schnee einen Fluss berührt
Wie Gedanken zurückgeführt
Zum Ausgangsort und -zustand
Durch der Natur unsichtbarer Hand,
Denke ich darüber nach:
Ob Meer oder See oder Bach,
Ort des Geschehens bleibt gleich,
Weiher, Fluss, Ozean oder Teich,
Eisig und hart, flüssig, durchlässig, weich,
Es ist alles das magische Wasserreich,
Wo alles stets in Bewegung bleibt,
Mit und gegen alles fließt und sich reibt,
Ständig ankommt, ständig weitertreibt -
Ne, Ort des Geschehens bleibt nimmer gleich.

Kein Gedanke kehrt unverändert zurück
Zum unveränderten Entstehungsheim.
Schlimmer oder besser geworden ein Stück
Findet sich alles wieder zusammen im Schlussreim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDULDIG SUCHEN

Ich suche manchmal
geduldig
über Jahre und Jahrzehnte bewusst
und beständig
die Antwort auf eine winzige Frage
die ich in mir trage.

So winzig,
Du könntest denken:
witzig!,
was ist das denn!?
Das ist meine Sehnsucht nach Klarheit,
meine Bedürfnis nach Wahrheit.

Und ich kann warten
still, geduldig,
auch wenn ich äußerlich herumtreibe,
beschäftigt,
die Antwort erhaltend langsam
in Schritten klein und groß gleichsam.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN VON GESTERN

Ein langer Weg trennt mich vom letzten Jahr.
Seltsam, es war ja erst gestern -
Doch die Nacht, der Schlaf, die tausend Träume
zwischen den Mitternachtsglocken und dem Morgenstern
waren eine riesengroße weitenumspannende Brücke,
ein großer steinerner Bogen, über den ich schritt
wie ein Reisender auf der Suche nach Klarheit und Glücke
von Gipfel zu Gipfel sich tapfer durchkämpft
über Täler und Schluchten und tiefe, weite Klüfte
stets die Gegenwart sucht. Gestern war vor tausend Jahren,
letztes Jahr ist vergangen. Seelenfenster auf! Ich lüfte!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung