BLOCKADE

Ich frage mich manchmal,
ob nachts die Welt vergisst,
wie der Tag sich anfühlt und aussieht.

So wie ein Körper in seiner Qual
nicht mehr weiß, wie es ist,
wenn ihn kein Schmerz durchzieht.

Oder wie ein Mensch, allein im Tal
der Verzweiflung, denkt, daß Christ-
us’ Frieden sich auf Märchen bezieht.

Und wie der Geist den Heiligen Gral
in seiner Erinnerung vermisst,
weil ihm genau das Gleiche geschieht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS UNVERÄNDERTE ZIEL

Aus welchem Grund auch immer
der Hass entsteht, ist der Boden
immer dasselbe. Ob schlimmer,
unverändert oder netter die Methoden
seiner Austragung bleibt das Ziel
das Besitzergreifen vom Vollrecht
zum Leben. Ein hinterhältiges Spiel -
wer menschlich spielt, wird geschwächt.

Die Intoleranz in den Augen-blicken
ist noch gar nichts im Vergleich
zu dem Würgen und Ersticken
tief im Herzen, gültig und gleich -
Aber im Internet kommt alles heraus,
Haß, Herrscherfantasie, Hässlichkeit;
Feigheit wird zu Mut in jeder Maus,
Menschen toben in Unmenschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREI UND EIGENSTÄNDIG

Manchmal sitz ich horchend lang,
still, lausche in mir der Stille,
dem Gespräch, dem Gesang,
dem Geschehen, wo mein Wille,
wie frei und eigenständig,
sich selbst stark beschäftigt,
schmerzvoll und aufwändig
sich sänftigt, umformt und kräftigt,
weil die Zeit gekommen ist,
das Lenkrad erneut zu drehen -
und wenn die Wendung genommen ist,
einen neuen Weg zu gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BETREUEN UND BEFREIEN

Papa, über was schreibst Du heute ein Gedicht?
Ich weiß nicht. Über was soll ich heute schreiben?
Über mich. Über Dich? OK. Nein! Spaß! Bitte nicht!
Zu spät. Der Gedanke ist gekommen und muss nun bleiben.

Und muss nun wachsen, betreut von meiner Liebe,
und mich verändern, während ich ihn auch verändere;
dann, vollendet, mich zu verlassen, um im Weltgetriebe
eigenständig zu wirken für eine neue Welt, eine bessere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GROSSES VERLANGEN

Nicht die Größe des Universums,
sondern die Tatsache, daß alles Stoffliche
zusammen trotzdem nicht groß genug ist,
um das Herz zu füllen, ist das Erstaunliche.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN HERZ RAST

Mein Herz rast
durch das Leben
An keinem
bleibt es kleben

Ich sitze als Gast
und Pilot zugleich
Flugbegleiter auch
allein und mit Euch

Mein Herz fliegt schnell
durch mein Leben
An keinem
bleibt es kleben

Doch egal wo ich bin,
da seid Ihr…
mit mir reisend
tief in mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALS MENSCHEN TREFFEN

Wo können wir uns noch als Menschen treffen?
Nicht als Spiegelbilder und Verteidiger der Interessen
von Nationen, Kulturen, Völkern, Ethnien, Rassen,
Religionen, Gendern, Orientierungen, Ständen, Klassen,
sondern einfach als Menschen.
Höher als alle diese Identitäten.

Verbarrikadiert im Grabenkampf der Identitäten,
verloren wie Amnesiekranken in Gruppen-Rivalitäten,
gibt es nur noch wenige die für das kämpfen,
was wir tatsächlich im Grunde alle sind: Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU BIST NICHT ANDERS

Du bist nicht anders
Du bist Du
Die anderen sind anders
Du bist Du
Bleibe Du

Du bist nicht komisch
Du bist Du
Du bist nicht besonders
Du bist nicht ideologisch
Du bist nicht divers
Du bist Du

Die anderen sind anders
Jeder Mensch ist besonders
Besonders sich selbst
Besonders ich
Besonders Du.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DU IN DIE LEERE HINEIN RUFST…

Wenn Du in die Leere hinein rufst,
ruft die Leere in Dich hinein -
bittet, nein, zieht Dich in sich herein.

Wenn ich mit der Nacht rede,
redet die Nacht mit mir,
der Tag ist Verstand, die Nacht Gespür.

Alle wollen berühmt sein, anerkannt,
Das Internet hat das Schlechteste enthüllt,
was uns in unseren Seelen erfüllt -

Wir haben es preisgegeben und gefrönt,
ohne Scheu, ohne Scham und ohne Zwang:
die Geltungssucht und der Geltungsdrang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RICHTUNG WEIHNACHTEN

Es kommt erneut zum Jahresende jene schwierige Zeit,
wo innerlich empfundene, nachdenkliche, Tiefe
gestört wird durch laute kommerzielle Heiterkeit.

Bitte, schick mir keine Memes, schreib mir echte Briefe,
teile mit mir ein inniges Stück Deiner Ernsthaftigkeit.
Es rutscht schnell vorbei, diese Zeit, wie auf einer Schiefe.

Rede mit mir über eine Liebe, die wirklich verzeiht.
Verpasse dem Jahr einen Schlussstrich fein wie eine Serife,
mit einem Ernst, der die heilige Nacht wieder weiht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung