Ich frage mich manchmal, ob nachts die Welt vergisst, wie der Tag sich anfühlt und aussieht. So wie ein Körper in seiner Qual nicht mehr weiß, wie es ist, wenn ihn kein Schmerz durchzieht. Oder wie ein Mensch, allein im Tal der Verzweiflung, denkt, daß Christ- us’ Frieden sich auf Märchen bezieht. Und wie der Geist den Heiligen Gral in seiner Erinnerung vermisst, weil ihm genau das Gleiche geschieht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
2024
DAS UNVERÄNDERTE ZIEL
Aus welchem Grund auch immer der Hass entsteht, ist der Boden immer dasselbe. Ob schlimmer, unverändert oder netter die Methoden seiner Austragung bleibt das Ziel das Besitzergreifen vom Vollrecht zum Leben. Ein hinterhältiges Spiel - wer menschlich spielt, wird geschwächt. Die Intoleranz in den Augen-blicken ist noch gar nichts im Vergleich zu dem Würgen und Ersticken tief im Herzen, gültig und gleich - Aber im Internet kommt alles heraus, Haß, Herrscherfantasie, Hässlichkeit; Feigheit wird zu Mut in jeder Maus, Menschen toben in Unmenschlichkeit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FREI UND EIGENSTÄNDIG
Manchmal sitz ich horchend lang, still, lausche in mir der Stille, dem Gespräch, dem Gesang, dem Geschehen, wo mein Wille, wie frei und eigenständig, sich selbst stark beschäftigt, schmerzvoll und aufwändig sich sänftigt, umformt und kräftigt, weil die Zeit gekommen ist, das Lenkrad erneut zu drehen - und wenn die Wendung genommen ist, einen neuen Weg zu gehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BETREUEN UND BEFREIEN
Papa, über was schreibst Du heute ein Gedicht? Ich weiß nicht. Über was soll ich heute schreiben? Über mich. Über Dich? OK. Nein! Spaß! Bitte nicht! Zu spät. Der Gedanke ist gekommen und muss nun bleiben. Und muss nun wachsen, betreut von meiner Liebe, und mich verändern, während ich ihn auch verändere; dann, vollendet, mich zu verlassen, um im Weltgetriebe eigenständig zu wirken für eine neue Welt, eine bessere. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GROSSES VERLANGEN
Nicht die Größe des Universums, sondern die Tatsache, daß alles Stoffliche zusammen trotzdem nicht groß genug ist, um das Herz zu füllen, ist das Erstaunliche. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MEIN HERZ RAST
Mein Herz rast durch das Leben An keinem bleibt es kleben Ich sitze als Gast und Pilot zugleich Flugbegleiter auch allein und mit Euch Mein Herz fliegt schnell durch mein Leben An keinem bleibt es kleben Doch egal wo ich bin, da seid Ihr… mit mir reisend tief in mir. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALS MENSCHEN TREFFEN
Wo können wir uns noch als Menschen treffen? Nicht als Spiegelbilder und Verteidiger der Interessen von Nationen, Kulturen, Völkern, Ethnien, Rassen, Religionen, Gendern, Orientierungen, Ständen, Klassen, sondern einfach als Menschen. Höher als alle diese Identitäten. Verbarrikadiert im Grabenkampf der Identitäten, verloren wie Amnesiekranken in Gruppen-Rivalitäten, gibt es nur noch wenige die für das kämpfen, was wir tatsächlich im Grunde alle sind: Menschen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DU BIST NICHT ANDERS
Du bist nicht anders Du bist Du Die anderen sind anders Du bist Du Bleibe Du Du bist nicht komisch Du bist Du Du bist nicht besonders Du bist nicht ideologisch Du bist nicht divers Du bist Du Die anderen sind anders Jeder Mensch ist besonders Besonders sich selbst Besonders ich Besonders Du. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WENN DU IN DIE LEERE HINEIN RUFST…
Wenn Du in die Leere hinein rufst, ruft die Leere in Dich hinein - bittet, nein, zieht Dich in sich herein. Wenn ich mit der Nacht rede, redet die Nacht mit mir, der Tag ist Verstand, die Nacht Gespür. Alle wollen berühmt sein, anerkannt, Das Internet hat das Schlechteste enthüllt, was uns in unseren Seelen erfüllt - Wir haben es preisgegeben und gefrönt, ohne Scheu, ohne Scham und ohne Zwang: die Geltungssucht und der Geltungsdrang. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
RICHTUNG WEIHNACHTEN
Es kommt erneut zum Jahresende jene schwierige Zeit, wo innerlich empfundene, nachdenkliche, Tiefe gestört wird durch laute kommerzielle Heiterkeit. Bitte, schick mir keine Memes, schreib mir echte Briefe, teile mit mir ein inniges Stück Deiner Ernsthaftigkeit. Es rutscht schnell vorbei, diese Zeit, wie auf einer Schiefe. Rede mit mir über eine Liebe, die wirklich verzeiht. Verpasse dem Jahr einen Schlussstrich fein wie eine Serife, mit einem Ernst, der die heilige Nacht wieder weiht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
