SAGT ETWAS

Es gibt Blicke, sie sind grob, fest, physisch,
Sie fassen sich gegenseitig überall an.
Sie kleben förmlich aneinander siamesisch,
ziehen einander jeweils in des andern Bann.
Kein Wort moderiert die krude Intensität.
Schweigend, dieser Moment der Intimität.
Ein Mensch, der an der Bushaltestelle vorbei geht;
Ein anderer, der auf dem Bus wartend steht.
Jeder schaut den anderen verlangend an
und wird nie erfahren des andern Identität.
Hier kommt der Bus, der eine steigt ein -
Der andere geht weiter. Beide bleiben allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

UNTERM STRICH

Was verbindet uns alle?
Was macht uns alle ähnlich?
Was haben wir alle gleich?
Empfinden können, sehnlich,
egal ob politisch oder unpolitisch,
groß oder klein, arm oder reich,
Geist macht uns alle menschlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DAS HERZ EINER FAMILIE

Wenn wir im Herzen Hände halten,
umarmen wir etwas Unsichtbares
in unserer Mitte -
etwas Freies und Unverzichtbares -
Vertrauen und Zusammenhalt. Bitte,
lasst uns von Dritten uns nie spalten lassen,
sondern die Liebe mit Liebe verwalten.
Lasst uns den Mut zum Vertrauen walten
und die gegenseitige Achtung entfalten lassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

SEHEN

Das, was Du nicht sehen,
ist mehr als das, was Du sehen,
kannst.

Mit der Empfindung siehst Du mehr
als das, was Du vom Verstand her
umspannst.

Den einen gibt das Kraft und Hoffnung
Den anderen bringt das Beunruhigung
und Angst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSTEHEN

Sehen
ist verstehen.
Falsch- oder Halb- oder nicht verstehen
bedeutet, noch nicht richtig gesehen
zu haben. Eigentlich
ist es andersrum richtig:
Nicht, sehen ist verstehen -
sondern verstehen ist sehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BINDUNG

Blut verbindet,
bindet aber nicht -
Die Band verschwindet,
der Bund bleibt als Pflicht.

Wahre Bindung befindet
sich in geistiger Gleichart
die ähnlich empfindet,
ähnlich hart, ähnlich zart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

MUSIK WIE WEIN

Musik, wie Wein,
wird konsumiert
zu zweit oder allein,
hemmungslos zelebriert,
verleitet zum Mitfließen
im Fluß der Erinnerung,
verleitet zum Genießen
den Hauch der Dämmerung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE VIELEN MENSCHEN IN DER STADT

Die vielen Menschen in der Stadt,
die täglich sich seelisch wappnen gegen
die vielen Menschen in der Stadt,
treffen in allen Ecken, auf allen ihren Wegen,
die vielen Menschen in der Stadt.
Dann ignorieren, irritieren, verletzen, erregen
die vielen Menschen in der Stadt
sich gegenseitig, ohne den Verdacht zu hegen,
die vielen Menschen in der Stadt:
dieses Sich-aneinander-Reiben ist ein Segen
für die vielen Menschen in der Stadt,
denn nur so können wir das Miteinander pflegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN DER NACHT

Das Licht scheint am Hellsten in der Nacht,
ich weiß nicht warum, vor allem nach Mitternacht.
Die Menschen sind am unsichtbarsten tagsüber,
maskiert, abwesend, verlogener, härter, trüber.
Brauchen wir das Dunkel um Licht zu sein?
Steinharte Herzen schmelzen bei Mondschein,
was vorher Weh tat, wird noch schmerzvoller,
die Empfindung wird empfindsamer, das Herz voller,
Umarmungen werden länger und immer länger
und enger, und enger, und enger, und enger.
Und die, die beten, stellen mit Erleichterung fest,
daß das Gebet wahr ist, eher es ihre Brust verlässt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDLICHE EMPFINDUNGEN

Wenn der Abend, wie ein Riese,
uns mit großen Flügeln umarmt,
verdunkelt Straße, Wald, Wiese;
wenn Astraios sich unser erbarmt,
lässt ahnen die tiefen Paradiese,
denn unser Herz hat sich verarmt
an unserer Welt unendlicher Krise;

Wenn jeder Baum zum Wesen wird,
beobachtend den Oktoberabend, still,
und Schatten tanzen seltsam und wierd -
es fühlt sich an wie ist aber nicht April -
die Gedanken, die sich tagsüber herumgeirrt
haben, ahnen nun, was die Empfindung will,
kehren zu ihr zurück wie Schafe zum Hirt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung