DIE RICHTIGEN WORTE

Ich ringe nach den richtigen Worten
um das Ringen nach den richtigen Worten
mit Worten richtig zu erfassen
aber ich kann‘s nicht fassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER WALD HAT SICH VERÄNDERT

Der Wald hat sich verändert.
Als ich das erste Mal hier war,
vor 30 Jahren, war er anders,
warm, gesprächig, magisch sogar.

Dann ging ich in die Welt und erlebte
und wurde älter und veränderte mich
und als ich zurück kam und den Wald besuchte,
schaute er mich an und veränderte sich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SPRECHEN IST TUN

Ich liebe Sprache -
Sie kann so viel
mit so wenig tun.

Ich fürchte Sprache -
Sie kann so viel
mit so wenig vertun.

Ich geize mit Sprache -
Sie kann um so viel
mit so wenig sich vertun.

Ich hüte Sprache -
Sie kann so Vielen
mit so wenig alles antun.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DICHTEN

Ich liebe Sprache -
Sie kann so viel
mit so wenig belichten.

Ich fürchte Sprache -
Sie kann so viel
mit so wenig vernichten.

Ich achte Sprache -
Sie kann so viel
mit so wenig anrichten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBE MACHT DICHTER

Alkohol macht dicht
Liebe macht Dichter
Dichtung bringt Licht
heller als irdische Lichter.
Ist Dein Innenleben ein Gericht,
teils komplex, teils schlicht?
Dichten ist Schlichter.
Lies einfach ein Gedicht,
der geheime Licht-Trichter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBE DICHTET

Mein Herz hört nicht auf zu bluten -
und das fühlt sich so schön an -
und meinen Kopf mit Gedanken zu fluten;
oh Liebe, was o was hab ich Dir angetan?
Du suchst mich wuchtig und gewaltig heim,
zerreißt und zerfleischst mein Herz leise…
erstickst jede versuchte Flucht im Keim,
behältst mich als Dichter auf dieser Weise.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LICHTGEDICHT

Das Licht
hat Gewicht
ist schlicht
ist Gericht
ist ein Gedicht.

Es ist Einsicht
die einbricht.

Hab in der Nacht
nachgedacht
und sah das Licht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IRGEND

Irgendwann
wird irgendwann
irgendwann sein.

Irgendwer
bleibt irgendwer
bis er irgendwer wird.

Irgendwo
muss irgendwo
irgendwo sein.

Irgendwie
kann irgendwie
irgendwie werden.

Irgendwas
ist irgendwas
was irgendwas ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ACHTE AUF DEINE TATEN

Behandle Deine Worte
als wären sie Taten
denn manch einem Morde,
so wie vielen Wohltaten,
liegen Worte zu Grunde,

nicht nur als Anzettelung
sondern vielmehr als Verankerung,
als feiner-stoffliche Vorfertigung.

Wenn Du es nicht machen würdest
dann sprich es erst nicht aus -
Wenn Du nicht wollen würdest
daß andere es machen,
dann sprich es erst nicht aus,
denn sprechen ist machen.

Willst Du es aber tun,
brauchst Du es nicht aussprechen,
sondern einfach direkt machen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IM FREMDEN

Als ich die Treppe hinunter stieg
in den Keller, in mich, in den Krieg,
brauchte ich eine andere Stimme,
eine Sprache, die das Schlimme
in der Welt anders sah und beschrieb
als ich es bisher sprachlich betrieb -
So sprach sich aus mir eine dritte Lunge
in einer neuen, fremden, deutschen, Zunge,
denn wenn Du Dich besser sehen willst
musst Du Dich durch fremde Augen reflektieren,
und wenn Du Dich selbst tiefer verstehen willst
musst Du Dich in einer fremden Sprache artikulieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung