REINKARNATIONSGRUND

Die Anzahl an verschiedenartigen Dingen,
die an einem Tag geschehen können;
Du kannst den Tag damit verbringen,
Dich für ein Hundert Leben zu versöhnen.
Denn trotz allem will Gott Dich schonen.

Es reimt sich nicht ganz genau,
ist aber nah genug, um zu funktionieren;
In der Wirkung stimmt es haargenau.
Du musst Dich an alles nicht erinnern,
Du musst nur richtig reagieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ENDE

Der merkwürdigste, sonderbarste Teil
eines Gedichts ist jedes Mal sein Ende.
Eine Empfindung, die wie ein leiser Pfeil
mich ruhig durchdringt wie jene Abende,
an denen sinnend sitzend am Fenster daheim
ich dem Schweigen lausche - es spricht Bände
und wird meinem Herzen den schönsten Reim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNNÖTIGE BRÜCKEN

Weil jeder Gedanke zurück kehrt,
schick nur Deine besten von Dir fort.
Weil Dein Wort Dich ehrt oder entehrt,
spürst Du in Deiner Empfindung sofort,
wenn Du es falsch verwenden hast
oder wenn es das Beste in Dir erfasst.

Ich sage nichts mehr,
was ich nicht unbedingt sagen muss.
Wüsste ich dies nur eher,
bliebe manch eine Begegnung beim Gruß
gefolgt von einem klaren Abschied
und, ungestört, meinem inneren Fried.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LANGE WEG VON INNEN NACH AUSSEN

Wenn es Licht unendlich lang braucht,
Dich zu erreichen von einem anderen Gestirn,
wie lang braucht es, bis eine Empfindung
als Gedanken auftaucht in Deinem Gehirn?

Und wieviel länger noch, bis Du
den feinen Gedanken dann in Worte fassen kannst
und der Welt einen Hinweis darüber gibst,
was Du tief in Deinem Herzen wortlos planst?

Einen Hinweis aber nur, denn wieviel geht verloren
auf dem langen Weg aus den tiefen Fernen
des Geistes bis zum dichten Nebel des Verstandes,
größer als die Distanz im All zwischen den Sternen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ÜBERGEORDNETE

Jedes Gedicht fängt mit einem kurzen Bild an,
das ich mit dem ersten Ausdruck schnell festhalte.
Jedes Gedicht fasst einen tieferen Begriff zusammen,
den ich bis zum letzten Ausdruck langsam entfalte.

Jeder Tag fängt mit neuer Hoffnung im Herzen an,
die mit der Morgendämmerung erwacht und sich regt.
Weil ich geboren wurde, trag ich in mir ein hohes Ziel
und mein Leben einen Sinn, der mich wechselwirkend trägt:

Den Willen Gottes zu finden, zu begreifen, Ihm zu dienen,
auch und vor allem in dieser modernen Zeit Ihn zu erfassen;
bei all den Herzesthemen, die uns zerreißen,
den übergeordneten Gral nie aus dem Blicke zu lassen.

Die Morgentauben grüßen euphorisch den neuen Tag -
an ihrer Inbrunst tut meine Tatkraft sich durstig laben.
Bis der Nachtgeist mich wieder in seine Ruhe hüllt,
will ich durch Erleben mehr Klarheit mir gesichert haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURZE BEGEGNUNGEN

Begegnungen,
die kurzen und die vergänglichen,
weil intensiv, mutieren zu unendlichen
Erinnerungen.

Nicht die Länge der Geschichte,
sondern die Tiefe der ihr innewohnenden Gedichte,
weckt die ewigen Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WONNENBRAND

Manchmal willst Du ein Gedicht
weiter schreiben,
doch es ist schon zu Ende -
Du warst nur der Kugelschreiber,
niemals selbst der Schreiber.
Du spürst an Dir fremde Hände

doch die Berührung ist intim
und der Griff ist Dir wohlbekannt.
Ohne Vorwand
nimmt er Dich ganz in Besitz
und befreit Deine Sehnsucht
ihres letzten gedanklichen Gewand.

Und jetzt würdest Du so gerne
weiter machen,
doch der Höhepunkt der Wonnenbrände
wurde schon überschritten,
überschrieben.
Dreh Dich sanft um. Seitenwende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DICHTEN OHNE ERWARTUNG

Ich habe gelernt, als Dichter
nie nach Ruhm zu trachten,
möchte ich meine Aufgabe,
das Innenleben zu beobachten,
richtig erfüllen, unbeeinflusst davon,
wie andere mich betrachten,
ob Geliebte, Käufer oder Spötter -
darauf darf ich nicht achten.

Wer zum Geist des Zukunftsmenschen
sprechen will, darf heute nichts erwarten -
weder von Freunden noch von Feinden -
sondern säen, dann gehen aus dem Garten.
Empfinden, schreiben, sterben und warten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS UNGEWÖHNLICHE

Nimmer endende Geschichte 
Dreitausendsechshundertundfünfzig Gedichte
Und mehr Gedanken, als ich zählen kann,
Ein Innenleben, von dem ich erzählen kann,
daß es ein nimmer endendes Neigen ist
zum Emporsteigen, weil Geist eigen und artig ist
Und weil die Ewigkeit täglich entsteht,
während Dein Leben täglich zuneigen geht.
Wer Zauber ernten will, der säet, der säet…
Ungewöhnliches, weil Eigenartiges.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESCHENK AN DIE NACHT

Weil es mir eine Freude macht,
aus sonst keinem anderen Grund,
habe ich mir meinen kleinen und
großen Spaß ausgedacht,
täglich in Dichtform einigermaßen
mein Innenleben zusammenzufassen,
mein Geschenk an die Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung