ATEMZÜGE

Ich mag es
Deinem Atem zu lauschen
Und während Du neben mir schlafend liegst
An den langen Weg hinter uns zu denken
Der mir so kurz vorkommt
Und an den unbekannten Weg vor uns
Der mir endlos scheint.
Ich mag es, Deinen Atem zu belauschen
Und mich in Gedanken mit Dir auszutauschen
Während Du neben mir schlafend liegst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

CORONA

Wettrennen um Impfstoff und Heilmittel
Bis dann darf die Welt bitte nicht gesunden
Steigend der Geldfieber
Dem Durchbruch entgegen fiebernd
Fieberhaft
Der Gewinner bekommt alles
Der Verlierer darf seinen Mundschutz abnehmen
Wettrennen um Impfstoff und Heilmittel
Bis dann darf keine Normalität einkehren
Auch wenn wir keine Luft mehr kriegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERUNSICHERT UND HOFFNUNGSVOLL

Vertrauen
genug um mich zu trauen
aufzutauen
und zu vertrauen

Wenn Kokon meine Welt ist
und Schmetterling mein unklarer Traum
wie komme ich ohne Aussicht
auf den Gedanken „mehr Raum“ ?

Wann merke ich, daß das Ende
nur eine Grenze ist, die fallen kann?
Die ich öffnen kann dem Fremden,
denn er bietet mir seine Hand an.

Menschenfarben, von denen
ich seit gestern Ablehnung gewohnt bin
marschieren heute für mich in Tränen
rufend Black Lives Matter. Ist Echtes drin?

Es verunsichert und verwirrt mich.
Nervös warte ich auf morgen –
bereit, mich zu verlassen wieder nur auf mich –
bereit auch, neuen Wegen zu folgen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKEROBERUNG DER FREUDE

Himmel blau
Straßen ohne Stau
Affe, Ziege, Delphin, Sau
stellen sich wieder zur Schau
mitten im Menschenbau
inmitten der ehemaligen Natur
Tier-Erinnerung an Blumenflur
dreht zurück die innere Uhr.
Möge auch ich, die menschliche Kreatur
entdecke wieder neu die Urfreude pur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE OBERFLÄCHE DER TIEFE

Manche Ringe sind so tief
Du musst sie auf die Oberfläche ziehen
Um sie anziehen zu können
Manche Wälder sind so wild
Du musst sie als Gärten erzählen
Um sie begreifbar zu machen
Manche Schmerzen sind so lähmend
Du musst sie lächelnd ignorieren
Um sie ungestört in Dir wüten zu lassen
Einst liebte ich die Tiefe
Verpönte die Oberfläche
Bis die Tiefe mich verriet
Und die Oberfläche mich tröstete
Vorübergehend und oberflächlich zwar
Doch genau richtig für dort
Wo ich innerlich gerade war.

Che Chidi Chukwumerije (23.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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DER HEILENDE KAMPFGEIST

Es gibt eine Wunde
Sie heilt vermutlich von Innen
Aber sie heilt und heilt sehr zögernd
Doch die Heilung wird gewinnen.

Kampfgeist.
Ich will Euch nicht zurück hassen,
Dadurch ist mein täglicher Kampf nicht
Gegen Religionen, Stände oder Rassen.

Nicht gegen andere Menschen.
Kampfgeist ist Selbstringen.
Selbstbeherrschung. Selbstüberwindung.
Es wird mir heute Nacht gelingen,

Die Nacht zu lieben,
Sie dazu zu bringen, sich fallen zu lassen
Und der Tag, den wir zeugen werden,
Wird nie lernen, zu hassen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ELTERN SEIN

Wenn Dein Kind erkrankt
Stirbst Du
Und wenn er dabei Dich anlächelt
Wirst Du neugeboren
Und fühlst Dich gleichzeitig
Machtlos und verloren.

Ein Tod nach dem anderen
Merken wir
Wie wir langsam altern…
Ein Lächeln nach dem anderen
Erleben wir
Wir sind wirklich ihre Eltern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HERBSTGEBUNDEN

Wer hätte gedacht
Als ich unweit der Mittellinie
Unserer Erde geboren wurde
Zwischen Regenwald und Wüste
Tropenbewässert
Harmattangetrocknet
Sonnensohn und Savannahsäugling
Daß ich einst den Herbst
Lieben lernen würde?
Den fremden Herbst.

Wer hätte geahnt, daß das
Was mich ergänzen und stärken
Beruhigen und besänftigen
Verstehen und inspirieren und heilen
Und fesseln würde
Ganz ruhig
Die ganze Zeit in der Fremde
Lebte und webte?
Erschien und verschwand und erschien
Egal, wer ihn erlebte oder nicht.

Als ich das erste Mal Deutschland sah
War mir alles fremd und abweisend
Außer dem Herbst
Der Herbst war mir vertraut
Wie eine Hälfte meines Lebensgedichts.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung