DEMUT

Hast Du dieses Jahr
irgendjemandem
Deine Wahrheit gesagt?
Irgendjemanden
nach seiner Wahrheit gefragt?
Bald geht das Jahr zu Ende.

Was habe ich gelernt?
Es ist schwer,
das Höchste auszuleben;
denn es ist schwerer,
daß Du falsch lagst zuzugeben
als dran zu halten bis zum Ende.

Demut. Ein kleines Wort,
ein hoher Berg.
Erst auf der anderen Seite
dieses Bergs
erwartet uns, uns zum Geleite,
das Wissen zur wahren Zeitenwende.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES KOMMT AUF DAS INNENLEBEN AN

Wer lang genug lebt,
hat genug Sommer erlebt
und genug Winter,
um zu wissen, wie ähnlich sie sind,
nur mal kälter mal wärmer der Wind,
doch nicht das Wesen dahinter.

Das Herz wird frieren,
wenn wir Liebe und Hoffnung verlieren
in jeder Jahreszeit.
Und wärmer wird das Herz,
überwindend Einsamkeit, Verlust und Schmerz,
strebt es allezeit
nach Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KALTES DEZEMBERENDE

Der Schal, dicker, enger angebunden;
Mein Hals, der im Sommer die Lüfte liebt,
versteckt sich in diesen Winterstunden
vor beißenden Zähnen, scharfen Zungen
fremder Durchreisenden einst geliebt.

Unbeliebte Zitterpartie. Mit eisigen Händen
umfassen sie mich in nebligem Würgegriff.
Ich höre, sehe unscharf das Jahr enden.
Ich rieche, ich schmecke weiche Lenden.
Schnee brächte jetzt den letzten Feinschliff.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WEIHE NACHT, NACHGEDACHT

Wenn die letzte Stimme verhallt ist,
Wenn die letzte Glocke schweigt,
Wenn das letzte Lächeln gemalt ist,
Wenn der letzte Mitreisende aussteigt…

Wenn die Heiterkeit gestanden schmeckt,
Wenn die Freundlichkeit hohl wird,
Wenn das, was sich dahinter versteckt,
Seine wahre Absicht endlich erklärt…

Ich hab‘s viel zu häufig erlebt -
Menschen, die vertraulich näher kommen,
Und haben dabei nur darnach gestrebt,
sich selbst zu finden, mich ausgenommen.

Ist das schlecht? Wahrscheinlich nicht.
Weniger zu finden ist besser als gar nichts.
Doch mich schmerzt es, mit schweigendem Gesicht
Sie gehen zu lassen ohne mein wahres Gedicht.

Der Widerspruch liegt in der Tatsache,
Dass dies überhaupt gesagt werden muss:
Das Höchstwertige hält schweigsam Wache,
Ungesehen, ungehört, kein Wink, kein Gruß.

Jedes Jahr kommt Weihnachten erneut,
Steht beiseite, allein, beobachtet bei gross und klein
Wie der Mensch sich beschenkt, feiert und freut,
Dann geht es wieder ohne verstanden worden zu sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAUSGEMACHTES WEIHNACHTEN

Alt wie Wein
Wird das Jahr nun
Süßer auch?
Reif mit dem zwölften Monat
Und elf Erinnerungen
Wir teilen lachend die Freude
Schweigend den Schmerz
Des Jahres.
Teilen ist heilen
Herzen sind Kerzen
Dezember, Lichtspender
Weihnacht, hausgemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DIE FÜNFTE KERZE

Die erste Kerze war die Ankündigung -
Öffne und bereite langsam Deine Empfindung.

Die zweite Kerze war die Erinnerung -
Es war einmal, uralt, wie die Morgendämmerung.

Die dritte Kerze war die Vorbereitung -
Licht oder Dunkel, es ist Deine Entscheidung.

Die vierte Kerze war die Krönung -
Das Kreuz, die Kreisschliessung, die innigste Ahnung.

Die fünfte Kerze ist Dein innerer Advent -
Die geistige Flamme, die in Deiner Seele brennt.

Fünf Kerzen zu Weihnachten
Wahre Liebe bei den Andachten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HERBST LÄSST LOS

Ich verzeih Dir
Und gedeih in Dir
Gerade deshalb.

Verzeihung ist Macht
Davon wissen ist Macht
Ebendeshalb.

Macht es Dich leicht
Ist es vielleicht
Der Grund weshalb

Du im Herbst gedeihst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GETRENNTE WINTERWEGE

Sie werden jetzt
ihre getrennten Wege gehen
Die, die ihr Blättergewand ausziehen
und die, die unverändert aussehen
Getrennt durch den Winter
wie unzählige geschiedenen Ehen
Bis im Frühling erfüllt wird
das Versprechen des „Auf Wiedersehen“
Geh im Wald spazieren
Bewundere dieses Geschehen
Diese zwei Bäume im Winterrad
Wie Fremde unterschiedlich drehen
Reden nicht mehr miteinander
schweigend, nur noch die Winde wehen…
Dennoch bleiben sie die ganze Zeit
ruhig nebeneinander stehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEINEN DEZEMBER VERSCHWENDEN

Es wird zunehmend sein
Ein karges Dezemberlein
Wenig Geld in der Tasche
Schnee wie Asche zu Asche
Perfekte Bedingungen
Für versteckte Empfindungen
Über defekte Verbindungen.

Wer das ganze Jahr lang
Einem lang ausgezogenen Schwanengesang
Im Herzen tanzte
Sich darin verschanzte
Der sollte den Dezember nicht verschwenden
Darf jetzt im alten Selbst still verenden
Im Neuen aufstehend die Seite bitte wenden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERBSTERWEITERUNG

Der Herbst, der
Erinnert mich an mich
Novemberherbst
Novemberernst
Warum das Blatt wenden, wenn
Ich alle Blätter verlieren kann?
Erleichterung

Der Herbst, der
Prophezeit mich zu mir
Dezemberherbst
Dezemberherz
Nur wer alle Blätter verloren hat
Hat das Blatt gewendet.
Erweiterung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung