SAGT ETWAS

Es gibt Blicke, sie sind grob, fest, physisch,
Sie fassen sich gegenseitig überall an.
Sie kleben förmlich aneinander siamesisch,
ziehen einander jeweils in des andern Bann.
Kein Wort moderiert die krude Intensität.
Schweigend, dieser Moment der Intimität.
Ein Mensch, der an der Bushaltestelle vorbei geht;
Ein anderer, der auf dem Bus wartend steht.
Jeder schaut den anderen verlangend an
und wird nie erfahren des andern Identität.
Hier kommt der Bus, der eine steigt ein -
Der andere geht weiter. Beide bleiben allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DER SOMMER GEHT ZU ENDE

Und es waren Blätter
nein, es waren Freunde
Was für ein Wetter
Freundschaft hat ein Ende

War es wirklich Freundschaft
oder nur der Sommer?
Freude, Spaß und Leidenschaft
nur bis Ende September

Blätter wie Farbreisende
bald kommt Eure Zeit
Der Sommer geht zu Ende
mit schleichender Plötzlichkeit

Blätter, pflanzliche, menschliche,
lösen bald alte Verbindungen -
Es kommt die Zeit für tiefere
Gespräche und Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAFFITI

Wie viel Drang,
wie viel eingesperrtes, angestautes
geistige Leben zwang
die Seele dazu, derart intensiv Lautes
gegen die Weltenwände zu schreien
wie ein Hilfe- und Sucheruf aller Unfreien?

Sie tobt und tobt und tobt sich aus
ohne Befriedigung -
Sie wird erwachsen, verlässt das Elternhaus,
zwingt sich zur Ermässigung.
Wartet nun Jahre später hier auf die Sbahn
und starrt schweigend ihre alten Graffitis an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE ALS RATTENFÄNGER

Ich habe von Menschen gehört, die ahnen,
daß es nicht funktionieren wird, dennoch
gehen sie wie getrieben der Liebe Bahnen
entlang, hoffend es wird funktionieren doch -
und verenden gefangen in einem Loch.
Was ist diese Macht, die uns dazu zwingt
zu tanzen, obwohl die Liebe nicht singt
und nur die Musik des Rattenfängers klingt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SIE ZÖGERT

Offen für alles fand sie nichts Besonderes
Offen für nichts fand sie was Besseres
aber zögerte nun, sich wieder zu öffnen,
aus Angst, es könnte sie erst entwaffnen
und dann, nach dem sie da nackt liegt -
festgenommen, genommen, unbefriedigt -
sie wieder verlassen, wie gewöhnlich besiegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES DRÄNGT

Herz schwer beladen mit Drang
Mitteilungs-, Bewegungs-, Geltungsdrang.
Suchen! Suchen! Erlebnisdrang.
Irgendwas Unvollendetes
Irgendwas Unerklärliches
Irgendwas Selbstgetriebenes
regt sich in Dir, macht Dich unruhig.

Keine Beziehung kann Dich beruhigen
Keine Leidenschaft kann Dich befriedigen
Keine Errungenschaft kann Dich besänftigen.
Geistiges, Andersartiges
regt sich in Dir, durstig und unruhig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MOND

Eine Wölfin -
Warum streift sie allein durch den Wald?
Weiß sie nicht, ich komme bald?
Hörst Du sie heulen, redend mit sich
Tröste sie nicht, das mache ich
Berühre sie nicht, sonst beißt sie Dich.
Die Wölfin in Deinem Wald
Sie heult für mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KAMPF DER KULTUREN

Die Kulturen
krachen auf einander wie
feste Felsbrocken

wie hartes Metal
gegen hartes Metal,
laute klagevollen Glocken!

Eine Kakophonie.
Kein Innenraum den Fremden -
alle bocken

und hocken

klein in den Zwischenräumen
wie Staubkörner, und
Schneeflocken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WELLENRITT

Ich bin in der Welle
reite sie heftig
Ich bin in der Kiste
schüttle sie kräftig
Ich bin in der Stimmung
gebe mich ihr hin
Das ist meine Widmung
da ist alles drin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEINER KANN MICH AUFHALTEN

Keiner kann mich aufhalten,
der mein Ziel nicht kennt -
Das, was sie dafür halten,
war nie mein Element -
Ich war nur zwiegespalten,
ein blindes Instrument,
bis ich in dem Verwalten
meines Weges als Experiment
alle meine Seiten, die alten
und neuen transparent
durchlebte und könnte entfalten
mit meinem Temperament.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung