LIEBE WOLLEN

Willst Du?
Willst Du nicht?
Willst Du Sicht?
Liebe ist ein sanftes Licht
auf Deinem Gesicht,
dennoch macht sie Dich blind, dicht.
Verflogen, die Umsicht.
Verflogen, die Einsicht.
Verflogen, die Vorsicht,
die Übersicht, die Weitsicht,
die Durchsicht.
Geblieben, Absicht
ohne Aussicht auf Endreim fürs Gedicht.
Nur blinde Zuversicht,
gesehen durch der Liebe Gleitsichtbrille,
geschmiedet aus Hoffnung und Wille.
Du willst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JEDES MAL

Halte mich so schön
wie das erste Mal
selbst wenn es das letzte Mal
wäre

denn irgendwann ist das letzte Mal

und jedes Mal könnte
wieder
das erste Mal sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DEINE BLUMEN

Deine Blumen blühen schon lange
und blühen schon lange als Dauergäste
im Garten meiner ältesten Empfindung.
Ein Baum hat Arme, wir nennen sie Äste
und sie tragen viele Umarmungen,
wir nennen sie Blumen, und als eine Geste
ihrer Reinheit streicheln sie uns äußerlich
nur zart, und drücken dabei innerlich feste.
So sind Deine Blumen drinnen mein zartes
Herz und draußen meine kugelsichere Weste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WELLENRITT

Ich bin in der Welle
reite sie heftig
Ich bin in der Kiste
schüttle sie kräftig
Ich bin in der Stimmung
gebe mich ihr hin
Das ist meine Widmung
da ist alles drin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GROSS- UND KLEINREIBUNG

Manchmal bin ich groß
Und Du machst mich klein
Manchmal bin ich klein
Und Du machst mich groß.
Diese Groß- und Kleinreibung
Meiner Sehnsucht und Lust -
Wer hätte es gewusst? -
Wie Medikamente ohne Verschreibung
Fühlen sich irgendwie so an
Als wären sie etwas Verbotenes
Das bewirkt trotzdem was Gutes
Denn ich genese daran.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NICHT ANNÄHERND NAH

Annäherung
ist eine Form
der Distanzierung.

Nichts entfernt sich schneller
von einander als nicht zueinander
Passendes, das sich zueinander findet
und herausfindet,
daß sie nichts Bleibendes verbindet.

Eine letztmalige Annäherung
ist allzuoft die Vorstufe
einer endgültigen Trennung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEIN WORT IST WICHTIGER ALS SEIN BLUT

Alle denken an das Blut.
Aber wer denkt an das Wort?
Die wahre Erlösung beruht
nicht aufs Blut, sondern den Mut
zu leben nach dem Christuswort.

Wiederauferstehen durchs Wort,
gelebt, ist der Erlösung Attribut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ECHO DER UNSTERBLICHKEIT

Wenn ich wie das Herz wäre,
würde ich 100.000 Mal pro Tag
meine Liebe, die grobe und die hehre,
hinaus senden, einen Heiratsantrag,
an das Leben, dessen endlose Fragen
uns umgeben, dessen Geheimnisse
in uns hervor ragen als Gewissensbisse,
als Empfindungsschübe, die uns plagen,
wenn wir uns seinem Drängen widersetzen.
Das Leben, dessen magische Kräfte
als Freude und Zuversicht uns besetzen.
Du bist‘s, dem ich mich anhefte,
herzklopfend 100.000 Mal am Tag,
sterbliches Echo der Unsterblichkeit.
Und was meine ich mit jedem Herzschlag?
Immer wieder nur: Dankbarkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHLICHE OASEN

Oasen.
Menschen, die anders sind,
denen anders sein nichts anderes ist
als normal sein, denen das innere Kind
innewohnt. Oasen in einem wüst
gewordenen Gesellschaftsringen,
die Sprudelfreude den Dürstenden bringen
und Ruhe und Heilung den Leidenden
wie Menschenblumen in wandelnden
Vasen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN ANDERER KAMPF

Ich sehe einen anderen Kampf
Er hat nichts zu tun mit Rassen
Nichts zu tun mit Geschlechtern
Nichts zu tun mit Gesellschaftsklassen

Ich sehe einen anderen Kampf
Er hat nichts zu tun mit Sprachen
Nichts zu tun mit Kulturen, nichts
zu tun mit Massenvernichtungswaffen

Es ist der Einzelkampf, dessen eine Seite
die Suche nach dem Sinn des Lebens ist
Dessen andere Seite das Streben ist nach
der Vervollkommnung des eigenen Geistes

Je mehr Menschen diesen Kampf gewinnen
desto mehr Rassen, Geschlechter, Klassen
Kulturen in Frieden ihre Ängste und ihre Gier
niederlegen und mit ihnen endlich ihre Waffen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung