ODEM

Als ich im Dunkeln
Dem Atmen meines Sohnes lauschte
Dachte ich an meinen Vater
Der nachts gerne wach lag
Vielleicht saß er auch so neben mir
Und lauschte
Und ich denke an meinen Sohn
Und frage mich, ob er eines Tages
Auch genau so sitzen wird
Dem Atmen seines Kindes in der Nacht
Lauschend und sich dabei wundernd
Ob sein Vater einst auch seinem Atmen
Lauschte in der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije (15.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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AUS GUTEM HAUSE

Du bist schwarz und sie ist weiß
Sie liebte Dich im streng Geheimen
Neugierig, glücklich, süchtig, heiß
Mit viel Lachen und viel Weinen

Du bist schwarz und sie ist weiß
Jetzt ist sie wohl verheiratet
Ihr ist‘s wichtig, daß er nie weiß
Du warst (bist?) in ihr tief beheimatet

Du bist schwarz und sie ist weiß
Hat jetzt hochpolitische Ambitionen
Es käme nicht gut an in ihrem Kreis
Alte Passionen sind neue Sensationen

Du bist schwarz und sie ist weiß
Erinnerungen sind alles, was Du noch hast
Nichts anderes bleibt zurück als Beweis
Wenn Vergangenheit nicht zur Zukunft passt.

Che Chidi Chukwumerije (13.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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MOMENTE DER WAHREN LIEBE

Die Liebe
Die Morgendämmerung
Flüchtig flüchtig
Morgen ist immer jung
Macht süchtig süchtig
Nach Liebe

Die Liebe
Die Abenddämmerung
Genau so flüchtig
Entzieht sich der Annäherung
Traurig sehnsüchtig
Der Liebe

Zurück bleiben nur die Augenblicke
In denen wir gut waren und gütig
Gebefreudig oder liebevoll streng
Achtsam, respektvoll, demütig
Anteilnehmend am Andern Geschicke
Denn wir sind Menschen und warmblütig.

Che Chidi Chukwumerije (10.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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LIEBEN OHNE GELIEBT ZU WERDEN

Nachdem sie ihn tötete, verlor er
Die Fähigkeit, sich zu verlieben
– Um so tiefer liebt er nun

Nachdem sie ihn begrub, verlor er
Die Fähigkeit, zu schlafen
– Um so klarer, träumt er nun

Nachdem sie ihn verriet, verlor er
Die Fähigkeit, sich zu schützen
– Um so mehr beschützt er andere nun

Ihr Leben war sein Tod
Sein Tod seine Wiedergeburt
Ihre Liebe war sein fünftes Gebot
Sein Gedankenfluss ohne Furt
Unüberquerbar auf dem Weg zu ihr
Und auf dem Weiterweg weg von ihr.

– Che Chidi Chukwumerije, 04.01.2020
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KURZ VOR ENDE

Es war Weihnachten
Wir liebten uns und lachten
Über uns und dachten
Unter uns, was wir machten
Zwischen uns und vollbrachten
War die hohe Kunst
Des Liebens und Lebens

Vergebens.
Es war Weihnachten
Es vertiefte uns, während wir lachten.
Veränderte uns mehr als wir dachten.
Alles, was wir im Endeffekt machten:
Naiv und ahnungslos verbrachten
Wir die letzte Nacht unseres Liebeslebens.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEIHNACHTEN

Stille Nacht, heilige Nacht –
Nach dem ich heute Nacht
Geschenke meinen Lieben verschenkt
Und meine selbst ausgepackt habe,
Werden meine Gedanken nun gelenkt
Endlich zu der eigentlichen Gabe?
Der göttlichen Weihe der Nacht.

In der Finsternis scheint das Licht
Das Finsternis begreift es immer noch nicht.
Wann werden wir endlich das Gotteswort
Als liebevolles Licht begreifen?
Es erhellt unseren innersten dunklen Hort
Damit wir als wahre Menschen reifen.
Für was anderes kam das Licht nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ELTERN SEIN

Wenn Dein Kind erkrankt
Stirbst Du
Und wenn er dabei Dich anlächelt
Wirst Du neugeboren
Und fühlst Dich gleichzeitig
Machtlos und verloren.

Ein Tod nach dem anderen
Merken wir
Wie wir langsam altern…
Ein Lächeln nach dem anderen
Erleben wir
Wir sind wirklich ihre Eltern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DEM WUNDER IMMER NÄHER

Ich roch Weihnachten
Heute morgen in der Küche
Die Fenstersterne lachten
Zum Duft zarter Gerüche

Ich folgte meinem Gespür
Und kam dem Geheimnis nah…
Sah vor der Wohnungstür:
Der Nikolaus war da.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
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LEBENSLANG KINDER

Kinder sind keine
Kleinen Erwachsenen
Erwachsene sind große Kinder

So sitzen wir abends
Im Kreis – zwei Eltern
Zwei Kleine, vier Sänger

Bald ist Nikolausabend da
Ein paar Tage zum ersten Advent
Es freuen sich vier Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER ANDERE

Er lebte in einem Vaterland
Sprach eine Muttersprache
Handelte mit Bruder-Herz und Hand
In nicht jedermanns Sache
Und niemals mit Rache.

Er hatte dort keine Vettern
War Nutznießer keiner Vetternwirtschaft
Als Brüder und Schwestern
Betrachtete er alle in der Nachbarschaft
Dennoch erfuhr er Feindschaft…

Schlimmer als Körperschmerz und Glasdach
Und Lügen verkleidet mit Geschick;
Das, was ihm am tiefsten stach
Und brach ihm fast das Genick
War jeder menschenfeindliche Blick.

Er begriff sie nie
Hingen doch im Weltgetriebe
Die Menschheit als eine Familie
Zusammen gebunden im Betriebe –
Eine geistiger Art Geschwisterliebe.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung