WECHSELJAHRESZEIT

Wie Du schneist, schmilzt
Erfrierst dann taust
Meine Neugierde erhitzt
… desinteressiert schaust.

Dein Winter ist warm
Deine Wärme ist kalt
Deine Kälte ist lauwarm
Sehnsucht ist ihr Inhalt.

Fremde kommen und gehen
Das ist ihre Eigenart
Auf Wiedersehen…
Heute hart, morgen zart…

Der Herbst geht in den Winter
Zögerlich ein
Liebe steckt dahinter
Gnadenlos, rein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURTS ERSTER SCHNEE

Ich sah Frankfurt
intimer als je zuvor
Ich liebte sie sofort
obwohl ich dabei fror
in ihrem engen Brautkleid
in ihrer Freude, in ihrem Leid
lautlos leistend unseren Eid.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER WINTER KOMMT

Der Donner ist stumm wenn er kommt
Er schreit innerlich, schweigt winterlich
Der Gedanke blitzt rauf und runter
Der rauher Wind gähnt, kühl, und erwähnt
Eine lose Stimme im Herzen jault es auch
Geräuschlos hat sich die Welt verändert
Der Herbst zieht sie aus, der Winter kommt
Langsam. Alles braucht seine Zeit -
Blumen, Liebe, Wunden und die kalte Jahreszeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSRE KLEINE NACHTMUSIK

Wenn wir wollen,
können wir, sollen
wir stöhnend in Mollen
Liebe machen.

Schlafen und aufwachen
und weitermachen und lachen,
in unsrer Nachtmusik verschollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOLLEN WIR

Sollen wir uns sollen,
wollen wir uns wollen,
können wir uns können?

Wenn das Ziehen uns gegenseitig zieht,
wenn das Sehen uns gegenseitig sieht,
wenn die Ruhe uns gleichzeitig entflieht,

mögen wir uns mögen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNFLUCHT

Viele Stimmen sagen ein Ding.
Eine Stimme sagt viele Dinge.
Zwei Menschen teilen einen Ring.
Du fühlst viele Dinge, wenn ich singe:
Lust und Frust, Sehnsucht und Sehnflucht,
Anziehung, Ablehnung, Zu-, Widerspruch.
Du kennst dieses Wort noch nicht? Sehnflucht?
Aber Du kennst das Gefühl - wie ein Fluch -
Herzbruch aus lauter Angst vor Wortbruch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GUTE NACHT GESCHICHTE

Ich mag es, abends, zum Einschlafen
mein Lieblingsmärchenbuch, Dein Herz,
in die Hand zu nehmen und zu öffnen.
Meine Finger wandern abwärts
Meine Augen dringen einwärts
Meine Gedanken schweben aufwärts
Und dann schlafe ich friedlich ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS SPRECHEN

Du kannst die ganze Welt bereisen
und nichts Neues sehen
außer der Bestätigung von Vorurteilen
denn Menschen finden, was sie suchen

Nicht gleiche Sprache verbindet,
sondern gleichartige Gedanken…
Ich habe Deine Sprache sprechen gelernt
aber Du verstehst immer noch nicht meine Gedanken
Alle Worte Deiner Sprache reichen nicht aus
um Dir zu erklären meine Gedanken

Doch dann kam ein Kuss wie ein Wörterbuch
plötzlich aus dem Nichts
unterbrach der Kommunikationslücke Fluch.
Klarheit überflutete uns wie ein Dammbruch
und die ganze Zeit sagten wir nichts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEFANGEN IM VERLANGEN

Mein Tag hatte mehr Menschen als Minuten
Aber ich konnte sie trotzdem alle lesen
Mehr Gedanken als Sekunden
Doch ich bin immer in der Gegenwart gewesen
Und ich habe sie alle gefangen.

Es wurde gelacht und nachgedacht
Und es gab nicht genug Stunden
Die Menschen waren wie Flugblätter,
Informativ, überall habe ich sie gefunden,
Gelesen, aber sie stillten nicht mein Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR HINTERLASSEN IMMER SPUREN

Ich sitze hier jetzt seit einer Weile
und versuche mein Herz zu verstehen
Es malt viele Bilder, langsam, ohne Eile
und dennoch mehr als ich je gesehen
aber heute ist nichts besonderes geschehen

Ich sprach wie immer mit etlichen Fremden
und sah dabei in unzählige Augen
in Blicken gefangen wie Körper in Hemden
die schützen wollen doch nur dazu taugen
gegenseitig zu suchen, zu flehen, zu saugen.

Und lang nach dem ich wieder alleine bin
lebt noch ein Teil von jedem in mir -
Begegnungen tief sind des Lebens Sinn
Ob kurz oder lang ich öffne mich DIR
Jedes Ich ist ein Teil von unserem großen Wir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung