Distanz braucht Nähe. Das ist mir neu. Immer dachte ich, Freiheit suchend, Nähe braucht Distanz, nicht andersrum - doch dann erwachte ich politisch in einer brückenlos geteilten Welt. Distanz braucht Nähe. Denn es ist wichtig, daß globaler Nord und globaler Süd, Ost und West, Kulturen, Religionen, Sichten sich be-greifen im Akkord, der den Frieden zusammenhält. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Menschlichkeit
DIE INNERE GENERATION
Eine Generation wird es hinkriegen,
sich loszulösen von Menschenkriegen.
Eine Generation wird es schaffen,
wie Menschengeister in Frieden zu schaffen.
Und wenn Du tief in Deine Seele hinein blickst
und diese Sehnsucht drinnen wachsen erblickst,
weißt Du, daß Du Teil dieser Generation bist,
egal wo, egal wann, egal wer wie was Du bist.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MITTE
Irgendjemand geht immer leer aus
Manche gehen unter die Brücke
Manche gehen nach Haus
Es wohnt eine Lücke
in unserer Mitte.
Fehlende Sitte.
Eine Bitte.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ENDZIEL: CHARACTER
Wissen! Können! Erobern! Besitzen! Sind lieben und leben nicht holdere Aufgaben? Ordnung war immer die höchste Tugend, selbst unter den niedrigsten Schaben. Unsere schönsten eitelsten Erfindungen wird unsere Empfindung mahnend untergraben. Ihr redetet jahrzehntelang vom Frieden, doch der Krieg war, wieder, immer Euer Vorhaben. Was ist Dein Wort überhaupt noch wert? Fließende Lügen stillen keinen Durst beim Laben. Wahrlich, der gute Charakter ist gewichtiger als Wissen, Wollen, Können und Haben. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EIN FREUNDLICHER GRUSS
Manchmal schleppst Du eine Wut jahrelang mit Dir herum in Deiner Brust - Du merkst es allein dadurch, daß Du immer leise sprichst, unbewusst. Die Wut, die Du gewaltsam unterdrückst, verwandelt sich in unstillbare Lust, die, weil sie trotz Ausleben unersättlich bleibt, sich wiederum verwandelt in wachsenden Frust. Und so begegnen wir uns täglich, im Zug, im Bus, bei der Arbeit, in der Freizeit, Millionen Ventilsucher, gebundene Gewitter, getrennt durch ein Gruß von Eintracht oder Streit. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FRIEDFERTIGKEIT
Wenn Waffen alles sind, was Du hast - Massenvernichtungswaffen - weine, geistschlaffe Seele, weine. Du hast den Sinn verroht und verprasst auf der Reise zum Menschen vom Affen. Intelligenz im Aufleuchten verblasst, wo Ziel und Treffer auseinander klaffen. Unter des Evolutionsauftrags Last, gibt‘s nur einen Weg, der dazu passt: die Massen retten durch aufbauendes Schaffen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KLEINE TRENNUNGEN
„Vater, Du brauchst zu lang - Kann ich wieder alleine hin?“ Ich spüre seinen Freiheitsdrang. Er muss zum Hort Ich zur S-Bahn und zur Arbeit Für jeden Menschen ein anderer Ort „Wir müssen in die selbe Richtung. Lasst uns doch zusammen bis zur zweiten Kreuzung.“ Wir laufen los Er marschiert zielstrebig nach vorne, beachtet mich nicht groß. Für diese Strecke auf jeden Fall braucht er mich nicht mehr, auf einmal. So reisen wir ein Stück miteinander, Vater und Sohn, dann gehen unsere Wege auseinander. Ich bleibe stehen, sehe ihn selbstbewusst weiter laufen und dann um die Ecke gehen. Kleine Wendungen können genau so tief bewegen wie große Trennungen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BLUME IN DER WÜSTE
Die Wüste ist immer nah. Sie ist
nicht Tausende von Kilometern entfernt;
Es trennen mich nur kleine Begegnungen von ihr –
Unfreundliche Augen auf der Straße, die
das Lächeln plötzlich verlernt haben –
Unfreundliche Stimmen, die hart eindringen
bis in meinen Kern.
Und da ist sie wieder: die Wüste.
Die Wüste, die von einer Blume besiegt wurde –
Immer und immer und immer wieder.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTLOS
Denk an andere
denn die Schöpfung denkt an Dich.
Dieser Gedanke – wie eine Kette, ein Bündnis, ein Wanderer –
bindet wie Nervenfäden die ganze Welt an sich.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NAVIGIEREN
Ich möchte runtersteigen –
Zu lang lebe ich nun in den Wolken.
Möchte mich jenen Gedanken zeigen,
die meine Empfindungen stalken,
deren Kinder sie sind, ureigen.
Ich frage mich, sind das die Art Selbstgespräche,
die die alte Obdachlose auf der hinteren Landstrasse,
mit steifen Beinen humpelnd auf unfreier Fläche,
täglich hält in dieser und jener Seitengasse,
Worte murmelnd wie einsame Waldbäche?
Menschen, die auf Grüße nicht reagieren,
oder die starren und starren und sagen nichts –
Was steckt in solchen Erdpassagieren?
Verschlossen wie der Ursprung eines Gedichts –
Entschlossen, auf ihr inneres Ziel hin zu navigieren.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
