NACHTSINNEN

Ein Raum so groß wie keine Fantasie
Grün wie die Erinnerung an Urwälder
Dadrin wohnst, allein, Du selber
Winzig wie ein Planet in einer Galaxie

Wo bist Du? Ist das Deine Hoffnung?
Ist das Deine Sehnsucht? Deine Angst?
Ist das Deine Kindheit? Deine Ignoranz?
Ist das das Wesen Deiner Entwaffnung?

Und da liegst Du jede Nacht sinnend
Spürend, fühlend, empfindend, nachdenkend
Dich vor der großen Leere in Dir erschreckend -
Jede Nacht mit dem Erwecken neu beginnend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBHABERHÄNDE

Der Abend hat Liebhaberhände
Passiv aggressiv zart, ich fände
Zündend und löschend Brände
Deren Herd schwelt ohne Ende
Irgendwo an der Dämmergrenze
Von Tag und Nacht alle Abende…
Berühre mich weiter
Traumreiter
Ich habe keine Einwände.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung 

NACHT MIT LIEBE

Du duftest dunkel wie die Nacht
Wenn Dein Busen bebend lacht
Voll mit Liebe, aufgewacht

Umarme mich ganz wie die Nacht
Sei mein Bett, groß, fest und sacht
Und voll mit Liebe zart vollbracht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung 

IDEENKRÄHEN

Ich flog durch die Nacht wie ein Vogel,
den ich nicht erkannte. Ich flog und sah mich
fliegend, als wäre ich außerhalb von mir,
inmitten von anderen seltsamen Vögeln,
nur waren sie mir vertraut und heimlich.
Wir blickten uns prüfend in die Augen
gegenseitig, erkannten in einander Gleichart
und flogen weiter zusammen durch die Nacht,
wie Gedanken der Nacht, unterwegs zu Dir.

Du schläfst noch, als wir Dich finden.
Nur unbewusst in Deinem Empfinden
nimmst Du uns wahr, entgegen und auf,
Du, das nächste Ziel in unserem Kreislauf.
Von Generation zu Generation, wir sind hier,
Zivilisation zu Zivilisation geflohen sind wir,
um mit ihren Sonnen nicht runterzugehen.
Irgendwann werden wir das Morgenland sehen,
das erhellt wird durch uns, lichtstrebende Ideen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

EIN ERHOLSAMER SCHLAF

Die Müdigkeit durchdrang meine Knochen
aber sie schonte meinen Geist, zum Glück.
Mein Körper schlief lang und beim Erwachen
kehrte meine Seele aus Traumwelten zurück.

Ich habe Liebe gefühlt und Mut gerochen,
traf mich mit als Weinen getarntem Lachen,
erhielt geistiges Brot als erstes Frühstück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ICH KANN NICHT SCHLAFEN

Ich kann nicht schlafen,
mein Herz sehnt sich nach ich weiß nicht was,
nach Schöpfen und Schaffen,
nach Erleben und Wissen, aber nicht nur das;
nach Folgen und Hören und Beschützen auch
jenes kleinen, zarten, tiefen Gefühls im Bauch,
das das Richtige immer weiß, vom Zweifel keinen Hauch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STROMWANDLER

Spürst Du auch manchmal diese Liebe,
stärker als Sucht, stärker als Triebe?
Diese überwältigende Liebe in Deiner Brust -
für was oder wen, ist Dir nicht bewußt.

Sie weckt Dich nachts zum nachdenken,
sie macht Dich Tags zum Träumenden,
sie erfasst manchmal urplötzlich Dein Herz
mit einer Druckkraft intensiver als Schmerz.

Du willst sie in Taten spenden und empfangen,
sie in allen Augen sehen, als inniges Verlangen.
Woher? Wohin? An wen, was? Wofür?
Dieses umfassende, alles hebende Gespür.

Als wären wir, unruhige Weltenwanderer,
gleichzeitig im Einsatz als Stromwandler
einer liebevollen Kraft von weit weit oben,
die sich verankern will auf irdischem Boden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG WIE NACHT

Lasst uns den Tag mit Nachtgefühlen starten,
mit Zärtlichkeit Menschlichkeit geben und erwarten,
lasst uns aus dem Leben einen schönen Traum machen,
in deren Erfüllung hinein wir sonnig erwachen.

Lasst uns die Nacht mit Tagbewusstsein erleben,
mit Ernsthaftigkeit unseren Empfindungen Raum geben,
lasst uns aus dem Schlaf ein heilsames Schöpfen machen,
aus dem wir innerlich gesund und klarer morgens aufwachen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER FRÜHE MORGEN

Der frühe Morgen ist die schönste Nacht,
tief und wissend und sacht -
Die Sehnsucht nach Höherem erwacht,
tief und suchend und sachte lacht,

denn die Freude am Suchen wird belohnt
mit einer Steigerung an Empfindung ungewohnt
vom Urlicht, das über dem Dunkel thront.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WEHKRAFT

Die Sonnenstrahlen werden Deiner
Nacht ihre Dunkelheit entkleiden -
Sehen werden wir Dich in reiner
nackten Unreinheit, und Dein Leiden
wird das Licht hart fest durchdringen -
das kannst Du niemals vermeiden -
mit Seh- und Wehkraft Klarheit bringen
und eine Blume zitternd in uns beiden.

Denn Du bist nicht allein im Schatten
im Gieren im Lügen im Dünkel im Neiden -
Hier werden alle Weltenwanderer ermatten,
selbst die Gottgläubigen auch die Heiden.
Nur die Kindlichen kommen weiter,
sich leicht scheidend aus dunklen Weiden,
hinauf, uns führend, auf der Güte Leiter,
wehmütig vor Heimweh, und bescheiden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung