Ich frage mich manchmal, ob nachts die Welt vergisst, wie der Tag sich anfühlt und aussieht. So wie ein Körper in seiner Qual nicht mehr weiß, wie es ist, wenn ihn kein Schmerz durchzieht. Oder wie ein Mensch, allein im Tal der Verzweiflung, denkt, daß Christ- us’ Frieden sich auf Märchen bezieht. Und wie der Geist den Heiligen Gral in seiner Erinnerung vermisst, weil ihm genau das Gleiche geschieht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Nacht
IN DER NACHT
Das Licht scheint am Hellsten in der Nacht, ich weiß nicht warum, vor allem nach Mitternacht. Die Menschen sind am unsichtbarsten tagsüber, maskiert, abwesend, verlogener, härter, trüber. Brauchen wir das Dunkel um Licht zu sein? Steinharte Herzen schmelzen bei Mondschein, was vorher Weh tat, wird noch schmerzvoller, die Empfindung wird empfindsamer, das Herz voller, Umarmungen werden länger und immer länger und enger, und enger, und enger, und enger. Und die, die beten, stellen mit Erleichterung fest, daß das Gebet wahr ist, eher es ihre Brust verlässt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABENDLICHE EMPFINDUNGEN
Wenn der Abend, wie ein Riese, uns mit großen Flügeln umarmt, verdunkelt Straße, Wald, Wiese; wenn Astraios sich unser erbarmt, lässt ahnen die tiefen Paradiese, denn unser Herz hat sich verarmt an unserer Welt unendlicher Krise; Wenn jeder Baum zum Wesen wird, beobachtend den Oktoberabend, still, und Schatten tanzen seltsam und wierd - es fühlt sich an wie ist aber nicht April - die Gedanken, die sich tagsüber herumgeirrt haben, ahnen nun, was die Empfindung will, kehren zu ihr zurück wie Schafe zum Hirt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BERGSUCHT
Gute Nacht Berge Himmlische Zwerge In meinem Empfinden bitte nie verschwinden Egal wie tief der Fall Egal wie dunkel das Tal erweckt in mir manchmal Eueres Rufes Widerhall… Eueres Rufes Widerhall. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NACHTSONNE GESUCHT
Zeig mir Sonne, wenn ich schlafe Die Nacht ist zu dunkel für meine Träume Hundert Monde reichen nicht aus als Waffe gegen meine düsteren Erkenntnisbäume Denn ich sehe aufsteigend wieder den Hass der auf sein Herrenmenschentum besteht Die Nacht ist finster, der Traum wird blass Wo ist die Sonne, die nie untergeht? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GLOCKENUNTERGANG
Die Glocke leuchtet matt und goldig Sie steckt regungslos im Treibsand Aber Du hörst sie dennoch läuten So stark und rege ist Dein Verstand In Deinem Gedächtnis tausend Glocken Deine Fantasie erledigt den Rest Die Sonne, sterbend am Horizont, dreht durch, dreht sich in ihrem Grab, schreit zum Himmel, schreit zum Mond, Du bist alles, was ich noch hab - In unserem Gedächtnis tausend Glocken Und Fantasie erledigt den Rest. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
IMMER KOMMT DER SONNENUNTERGANG
Immer kommt der Sonnenuntergang früher als erwartet - Das ist sonderbar, nicht wahr? Auf einmal ist der Mensch, der da war, verschwunden, mit ohne Schwanengesang, und der Neue startet. Na, mit oder ohne, fragst Du? Mit, weil jeder Abschied angekündigt wird auf irgendeiner Art und Weise. Ohne, denn die Kunden werden nicht gehört, das Ungewollte ist irgendwie immer leise, bis laut Adé sagst Du. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE NEUE SONNE
Eines Morgens wird unsere Sonne aufgehen und unser bisheriges Leben mit seinen Freuden und Sorgen wird wie tiefe Nacht aussehen. Wir werden versuchen, vergebens, uns an die Schritte zu erinnern, die wir und die Nacht gegenseitig in und durch einander machten - Aber nun sind sie wie in Träumern begraben, unbegreifbar hier jenseitig der Grenzen, die wir uns einst ausdachten bevor wir aufwachten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NACHTSCHWIMMER
Guten Abend Dankbarkeit im Herzen habend lege ich mich zu den Träumen hin die schlummern in Räumen in mir hier drin Nein bei mir gibt es keine Schlafzimmer Ich ziehe mich aus, tauche ein, Nachtschwimmer Einen Tag mehr hat die Ewigkeit gewonnen heute im Land der Tausend Sonnen Und mein Träumen hat begonnen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MOND
Eine Wölfin - Warum streift sie allein durch den Wald? Weiß sie nicht, ich komme bald? Hörst Du sie heulen, redend mit sich Tröste sie nicht, das mache ich Berühre sie nicht, sonst beißt sie Dich. Die Wölfin in Deinem Wald Sie heult für mich. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
