Der Schnee kam zu Besuch Ummantelt von einem weichen Tuch weißhaarig beim Tagesanbruch ohne Geräusch und ohne Geruch liegt die Erde da wie ein Buch daß ich lesend durchfahre im Zug und kriege von ihm nicht genug. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
der Natur
WINTERWACHSTUM
Die Nacht ist still Der Schnee hat viel zu sagen Stattdessen hat er viel verschwiegen Der Mensch kann viel ertragen Ohne zu brechen oder sich zu verbiegen Wenn er wachsen will. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
WIR SIND NICHT ALLEIN
Ein Geist geht Ein Geist kommt Ich spüre es mit der Empfindung Ich kann es Dir nicht erklären Du kannst es mir nicht erklären Ich spüre es nur mit der Empfindung und Du auch, kostet‘s auch Überwindung, spürst es fein Wir sind nicht allein. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
AN DEN ABEND
Der Abend kann auch menschlich sein vor allem wenn Du einsam bist und allein; Er kann ein guter Zuhörer sein und leise und in seinem Schweigen tief und weise Er ist einfühlsam. Er ist nachdenklich. Er ist sorgsam, einfallsreich, fürsorglich. Und wenn Dein Selbstgespräch fertig ist entlässt er Dich in die Nacht, wo Du Du bist. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
EINFACH WARTEN
Ich habe gelernt zu warten Ich habe gelernt Das Herz ist ein Garten Alles hat die Zeit betreut Alles, was einen Mensch bewegt hat die Zeit empfangen und gepflegt auch das, was er später bereut Manches hat sie wachsen gelassen, dies habe ich gelernt - beim Hoffen, Fürchten, Lieben, Hassen - aber manches hat sie entfernt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
ZUG NACH VORN
Grauer Morgen Trauer, Sorgen, ziehen ihre Flusswege schwermütig und träge Die Brücke ist aber breiter Das Herz fährt weiter hoffnungsvoll und heiter. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
LICHTGEDICHT
Das Licht hat Gewicht ist schlicht ist Gericht ist ein Gedicht. Es ist Einsicht die einbricht. Hab in der Nacht nachgedacht und sah das Licht. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
SPÄTLING DER VERINNERLICHUNG
Von manchen Reisen kehrt man nie zurück. Es kommt jemand zurück, doch nicht der, der ging. In Deinen Augen Trauer, Wunder oder Glück, denn die Blätter sind gefallen. Es ist der Spätling. Er ist herb, herber, Herbst. Er entblößt, er macht kalt, er schmerzt. Er befreit vom Gewicht der Masken und Erinnerung - Tiefer als Erinnerung ist die Verinnerlichung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
HERBST UND VERÄNDERUNG
Irgendwann gibst Du auf und lässt den Herbst herein; Altern gehört zum Lebenslauf, Reifen zum erfüllten Sein. Die Blätter lassen die Farben los, eine nach der anderen; Die Bäume lassen die Blätter los, die faden und die bunteren. Die Menschen lassen die Menschen los, um ihre Wege weiter zu gehen; Die Menschen lassen die Menschen los bis auf Wiedersehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
KRÄHE
Mitten im Stimmendschungel der Stadt kräht eine Krähe im Vorbeifliegen - Habe nur ich sie gehört? Anstatt aufzuhorchen, redeten sie weiter. Glatt. Ein Teil von mir ist auch im Lärm geblieben Aber ein Teil von mir ist leise ausgestiegen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
