ES WAR SCHON EINMAL MORGEN

Manchmal besuchst Du die Zukunft
und kehrst wieder zurück
Wie ein Wanderer, der eine ferne Bergspitze
erklimmt und zum Tal wieder zurück fällt…

Ist es nun Erinnerung,
wenn Du jetzt wieder in die Ferne blickst
Oder ist es Ahnung des Kommenden
Oder ist es Sehnsucht nach dem Unbekannten?

Denn das Bekannte ist auf einmal
wieder so weit weg,
an manchen Tagen ein bisschen heller,
an manchen Tagen ein bisschen dunkler.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WÄRE EINMAL

Wenn die Straßen Blumen wären
Wenn die Häuser Bäume wären
wären wir die Früchte der Erde, und fruchtbar…

Keiner spräche mehr von Planet Erde
Unsere Welt hieße nun Garten Erde
Bist Du bereit, eine neue Welt wach zu träumen?

Alles sieht so alt aus, so müde, so out…
Die Infrastruktur, das System, die Politik…
als wäre seine Zeit schon längst vorbei –

Diese unklare Empfindung,
daß die Zukunft anders sein möchte…
Ein andersartiges und reifes Märchen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEUTE DIE SCHWELLE

An der Schwelle zwischen Öl und Wasser
Zwischen Gas und Wind
Zwischen Kohle und Sonne
Zwischen Kern und Elektronen

Zwischen gestern und morgen

In diesem großen großen leeren Raum, wo
Verantwortungssinn und Entscheidung fehlt,
schwebte Energie und schaute zurück
und schaute nach Vorn.

Und wusste nicht weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOMMEN UND GEHEN

Warum fühlt sich der Anfang an
wie das Ende
Und das Ende wie der Anfang an?

Deine Liebe ist wie der Sonnenuntergang
Deine Liebe ist wie der Sonnenaufgang
Immer am Ende
Immer am Anfang

Magst Du mich kommen fühlen mit Glut und Wonne
Musst Du mich gehen lassen wie die Sonne.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FIEBER

Diese so schöne Frau…
Ihre Temperatur steigt
Das Fieber schüttelt ihren Körper
Sie zittert und brennt und schweigt laut
Ihre Augen tränen mit einem Blick,
der zur Verzweiflung und zur Wut neigt

Ihre Eiskappen schmelzen
Fließen wie Schweiß ihre Stirn hinab
Sie kann kaum atmen –
Hörst Du, wie sie nach Luft schnappt?
Mir scheint es, Mutter Erde selbst ist es,
die Corona hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU SPÄTER ALS KIND WIEDER

Du später als Kind wieder
in einem zukünftigen, neuen, Leben…
Welche Erde würdest Du vorfinden,
von Dir selbst vorbereitet
von Dir selbst zugerichtet?

Du später als Kind wieder…
in welcher Welt würdest Du aufwachsen?
Schrott im Weltall
Müll im Weltmeer
Luft zum Schmutz verdichtet.

Du später als Kind wieder…
Empfänger der Wechselwirkung von Entscheidungen,
die Du heute als Erwachsener triffst –
In welcher Welt würdest Du leben wollen?
Zu der bist Du heute verpflichtet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung