DER HERBST HAT SEIN WERK GETAN

Der Herbst hat sein Werk getan
Plötzlich sehe ich Dinge,
die immer da waren, nur
habe ich sie vorher nie gesehen

Das Unveränderliche liegt verborgen
unter regelmäßig wechselnden Hüllen,
Farben die kommen und gehen,
schönen Lächeln, blumigen Worten,

veränderungsfreudigen Launen,
Masken die fallen und wachsen wie Blätter,
doch der Herbst entsorgt sie alle,
entkleidet grob und roh die nackte Wahrheit.

Und wenn sich die Zeiten ändern
und die Wortwahl sich ihnen anpasst
die Erscheinungs- und Wirkungsformen auch,
bleiben die Menschen das, was sie sind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE DINGE

Kleine Dinge
mit Herz und Hand gemacht
und sie fügen sich
wie Ringe
zur Lichterkette der Weihen Nacht
irdisch und geistig.

Wie jede kleine gute Tat
für Mensch oder Tier
für Natur oder Stadt
aus tiefstem inneren Gespür –
Auch wenn Du nichts dafür bekommst –
Es war nicht umsonst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ANDEREN ERDWANDERER

Einst hatte ich Angst vor Tieren
und vertraute Menschen;
Jetzt habe ich Angst vor Menschen
und vertraue Tieren.

Wir sind nicht allein –
Lange bevor wir kamen
Lange nach dem wir wieder verschwinden
waren sie da, werden sie da sein…

Augen größer als Schweigen
Erinnerungen tiefer als Menschengedächtnis;
Wir wollen Tiere erziehen,
sie, unsere feinsten Lehrer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUSTART

Manchmal möchte ich
von Vorne alles wieder anfangen
wie die Natur es jedes Jahr macht

Ihre Blätter fallen lassen,
sich in tiefen Schlaf versetzen
aus der sie neugeboren erwacht

Alles beenden,
mich in die Tiefe zurück ziehen,
aus der mein Lachen neu entfacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER SEHEN

Wo die einen Tiefe sehen
blicken die anderen in die Leere
Wo die einen Strände sehen
freuen sich andere über die Meere
Wo die einen Profit sehen
sehen die anderen die Natur
Wo die einen Primitives sehen
fühlen sich andere Zuhause in ihrer Kultur.

Ich sehe nicht, was die anderen sehen:
Deine Augen, Deine Haare, was Du wiegst;
Ich sehe den langen Weg hinter uns
und den längeren, der noch vor uns liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEELEN UND SONNENFENSTER

SEELEN UND SONNENFENSTER

Ich stand auf und putzte meine Wohnung
Da verklärte sich das Fenster wie ein Gesicht
durch das die Sonne schien –
Ich habe kein anderes Zuhause.

Ich machte mit und säuberte die Erde
Da verklärte sich ihre Lufthülle
auf daß der Sonne Wärme ein und aus ging –
Wir haben kein anderes Zuhause.

Ich hielt inne und reinigte meine Seele
Da verklärte sich mein Gesicht wie ein Fenster
durch das einer Sonne Strahlen hinaus drangen –
Ich habe kein anderes Zuhause.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE ZWEITE NATUR

Sie trug den Herbst in ihren Haaren
meine Lieblingsjahreszeit
Egal wo wir waren
Egal wann wir waren
trug sie meine Freude in sich allezeit
als wäre sie meine Liebe nicht nur
sondern auch meine zweite Natur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN LETZTES MAL

Wird die Welt ruhiger
oder ich?
Wird die Natur herber
oder ich?
Wird die Erde reifer
oder ich?

Dennoch rast ein Brand durch den Wald
Die roten Blätter innen heiß, außen kalt
Ein letztes Mal lachen, denn Winter kommt bald.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERFLUG

Die harten Bergspitzen
kitzeln zart den nackten Bauch
des stolzen Flugzeugs

Überrascht hält es an,
knurrt sanft und bleibt schwebend
im Genuß gefangen –

steif und weich

Eine Wolke fast wie
ein tausend andere

Dann erinnert es sich plötzlich
an seine Reise wieder und eilt
schnell davon

scheu wie ein Vogel.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEINWAND ERDE

Sag mir nicht,
daß in der Natur keine Maler wohnen
unsichtbar in ihren Wesen
sichtbar allein in ihren Werken.

Sag mir nicht,
daß alle Kunstwerke mit den Namen
ihrer Schaffer versehrt sind. Nein.
Die Schöpfung ergötzt sich an Anonymität.

Deine schönsten Werke
werden zum intimsten Teil des Gesamten
und selbst Du weißt nicht mehr,
welche davon einst von Dir stammten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung