Salzige Worte schmecken am besten breitbeinig fester Stand im Leben einstecken ohne einzugehen Schweigen zeugt von Intensität Belohnungsaufschub verdoppelte Befriedigung Reife und Erfahrung verstehen die Zeit: Gipfel sind kurze Momente sei es Schmerz oder Freude sie kommen, hart und sie gehen wieder alles geht immer wieder weiter selbst Süßwasser fließt irgendwann sehnsüchtig und gerne in das salzige Meer… Immer und immer wieder. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Phantasie
IM ANFANG WAR DAS ENDE
Ich warte auf das Ende und das Ende wartet auf mich Und während wir beide auf einander warten überholt der Anfang das Ende und mich. Konsequenter als das Ende ist der Anfang aller Dinge - Er wartet auf nichts und niemand, hebt an zu singen bevor ich ausklinge. Am Anfang hielt ich stets Ausschau jedes Mal nach dem Ende - Doch jetzt am Ende weiß ich: Der Anfang bringt die Wende, nicht das Ende. Selbst am Anfang achtet aufmerksam nicht auf das Ende, sondern auf den neuen Anfang. Denn das ist der wirkliche Ausgang Und das wahre Ende. Der Anfang ist das Ende. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
URSPRACHE

Kommt in meine Arme. Ihr ferne Alpen, Ihr seid mächtig genug für mein Herz - Denn es ist zu groß, zu breit, zu tief geworden Und ich verstehe es nicht mehr. Doch Ihr da vorne, ausgestreckt und ausgedehnt wie die Wellenbewegung eines Weltmeeres, von einem Riesen in Stein verwandelt, Ihr sprecht die Ursprache meines Herzens. Rauh und zerklüftet Alt mit einer unbekannten Geschichte Deshalb, kommt in meine Arme Ihr schöne Alpen und liebet mich zurück. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HEIMATSPRACHE
Deutsch ist mir eine Fremdsprache Und ich bin in Deutschland ein Fremder Fremde sprechen Fremdsprachen Sonst blieben sie in der Fremde Zuhause Und das Fremde in ihnen käme nie zur Aussprache. Es war einmal eine Fremdsprache Sie begab sich auf Wanderung und in allen, die sie traf, weckte sie und lockte sie aus ihren verborgenen Seelenwinkeln Fremdes hervor und ließ sie einsam zurück. Einsam und seltsam und neu in einer Welt mit mehr Fremd- als Muttersprachen. Je mehr wir teilen, desto fremder werden wir. Je fremder wir werden, desto vertrauter kommen wir uns gegenseitig als Menschen vor. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GEDANKL-ICH
Wenn meine Gedanken
wie Flugzeuge
mich mitnehmen konnten
auf ihrer Reise
Und anstatt der Gedanke
an mich käme
ich selber bei Dir an
auf erstaunlicher Weise
Und wenn sie wieder
verschwinden
Und lassen sich plötzlich
nicht mehr finden
Dann sind unsere
unterschwelligen Sehnsüchte
nach einander alles
was uns noch innig verbinden.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WÄRE MEIN HERZ EIN HEMD
Wäre mein Herz ein Hemd, aufknöpfbar wenn es warm wird - Wäre mein Kopf ein Hut, abnehmbar wenn er schwer wird - Wären meine Wege Stiefel, ausziehbar wenn sie weh tun - Wären meine Gedanken Antennen, einziehbar wenn sie sollen ruhn - Wäre Krieg ein Film, ausschaltbar wenn es einem reicht - Und Einsamkeit ein Lebrbuch, schwer bis man das Ende erreicht - Dann wäre alles, was einst war wie ein Traum, das niemals war - Und es läge in unseren Händen die Macht, unser Schicksal zu wenden. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ICH WEISS ES NICHT
Wie kann ein Mensch so viele Menschen sein? So viel am Kämpfen sein mit sich Selbst? Wie kann ein Jahr so viele Jahreszeiten sein? So viele Kalenderseiten sein in einem Etat? Wie kann das Weltmeer So viele Meere sein? So voll mit Leere sein und mit Leben schwer? Mit wie vielen Menschen bin ich verheiratet? Wie viele Eltern hatte ich? Mit wie vielen Liedern ist meine Gitarre besaitet? Schon wie viele Leben hatte ich? - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UHRZEIGER-SINN
Hörst Du den Tanz des Uhrzeigers?
Halb elf abends
trabend trabend
Die ganze Nacht hört zu, hypnotisiert.
Hörst Du Rap des Uhrzeigers?
Dreiundzwanziguhrfünfzehn
Mal mit mal gegen das korrupte System
Wie schön er rundum philosophiert.
Hörst Du das Trommeln des Uhrzeigers?
Halbe Stunde vor Mitternacht
Treu seinem eigenen inneren Takt
Ob gelobt oder kritisiert.
So will ich auch gehört werden
Im Schritt mit dem Zeitgeist, vorwärts.
Mein Herz schlagend für meine Taten
Meine Taten sprechend für mein Herz.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BIS WEICH DU WIRST
Windige Tage fegen die salzgen Regentropfen aus meinen Seelenspiegeln - die vermengen sich mit meinen Süßwasserflüßen, überfluten Deine megastrengen leeren Strände bis weich Du wirst vor Fülle - Fülle an Durchdrungensein, Fülle an Erwachen, Fülle an Schmerz-begriffen-haben, Fülle an Gemeinsan-weinen-und-lachen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KLOPF KLOPF
Klopf Klopf.
Klopft jemand an mein Herz
Oder klopft mein Herz?
Oder ist das ein und dasselbe?
Knopf Knopf.
Knöpft jemand mein Herz auf
als wäre es ein Hemd?
Oder schwillt der Inhalt meiner Brust?
Tropf Tropf.
Der Durst liegt mir auf der Zunge ~
Herz steht Kopf
und auf dem Sprung, Lunge voller Poesie,
Haut aufgetaut…
Geist ausgereist und dies gefunden:
Die Traute zum Trauen.
Die Liebe zur Liebe.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
