DIE LETZTEN TAGE DES JAHRES

Fünf Tage sind viel
Denk nicht, daß es schon vorbei ist
Zeit ist nur ein Bei-spiel
Abgelaufen ist noch nicht die Frist

Dein Jahr könnte noch urplötzlich
eine neue Wendung erhalten.
Letzte Momente tun bekanntlich
Überraschungen enthalten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES IST SCHWER

Der Mensch und seine Gedanken
wie alle Monde und deren Erden
gegenseitig gefangen und tanzen
in ihren jeweiligen Gravitationsfeldern
Sie steigen und sinken zusammen.

Es ist schwer, anders zu denken, als Du bist.

Der Mensch und seine Empfindungen
wie alle Erden und ihre Sonnen
an einander gekettet in festen Bindungen
in ihren gegenseitigen Gravitationsbahnen
Sie steigen und sinken zusammen.

Es ist schwer, anders zu empfinden, als Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESCHEHEN-GEBUNDEN

Der Zug rollt ab, wie ein Geschehen,
aus dem Du nicht mehr aussteigen kannst.
Durchs Fenster wirst Du vieles sehen,
an dem Du Dich nicht beteiligen kannst.
Du kannst weder stoppen noch umdrehen;
die Fahrt erleben ist alles, was Du kannst.
Es bringt nichts, zu bitten oder zu flehen,
Du bist Geschehen-gebunden. Du kannst
im Zug sitzen bleiben oder aufstehen,
rumlaufen, mit anderen reden. Du kannst
Freunde finden, die den selben Weg gehen
wie Du, mit denen Du Wärme teilen kannst.
Enge Verbündete wie in Familien, oder Ehen,
oder im Krieg, oder im Knast. Werte kannst
Du schöpfen, Bunde formen, die nicht vergehen
werden, wenn Du endlich umsteigen kannst
an der nächsten Station in Deines Lebens Geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSICHTBARE FÄDEN

Manche sind Dir nah, aber Ihr
werdet Euch niemals begegnen…
Manch andere sind fern von Dir,
doch so sicher wie es regnen
wird, so sicher wie die Gezeiten
hinaus und wieder herein gleiten,
ebenso sicher werden sie vom Weiten
immer wieder zu Dir zurück reiten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHIENEN

Schienen -
Du auf Deinen,
ich auf meinen -
schienen
verschieden zu sein.
Doch wir mieden den Schein,
spürten das Wesentliche,
das innere Ähnliche
zwischen ihnen,
unseren sich getrennt scheinenden
doch stets innig verbunden seienden
Schienen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EHEMALIGER SOLDAT

Wie viele hat er damals umgebracht?
Schwer zu sagen - er hat nicht gezählt.
Hat er jemals danach an sie gedacht?
Schwer zu sagen - er hat nie erzählt.
Es war halt ein Krieg.
Es zählte nur der Sieg.
Wie es heute in seinem Gewissen aussieht,
behält er für sich. Ein Verlangen, das stark anzieht,
brennt in seinen Augen wie ein Schrei aus seinem Gemüt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WO AUCH IMMER ES HEUTE IST

Als sie jünger war
wurde sie schwanger,
es war ein Wunder, daß
sie, kaum ein Teenager,
überlebte und je älter
sie wurde, auch gesunder
wurde, nachdenklicher
dazu, schöner und reifer.
Lachte viel und heiratete
die Liebe ihres Lebens
und sie hatten drei Kinder.
Aber manchmal, plötzlich,
wird sie stiller, ruhiger,
und schickt innig Gedanken
an ihr viertes Kind, das heißt,
an ihr erstes Kind, das
sie als Teenager zur Adoption
einst freigab. Wo auch immer
es heute ist, möge Gottes Segen
es schützen auf allen seinen Wegen.
Amen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE ALS RATTENFÄNGER

Ich habe von Menschen gehört, die ahnen,
daß es nicht funktionieren wird, dennoch
gehen sie wie getrieben der Liebe Bahnen
entlang, hoffend es wird funktionieren doch -
und verenden gefangen in einem Loch.
Was ist diese Macht, die uns dazu zwingt
zu tanzen, obwohl die Liebe nicht singt
und nur die Musik des Rattenfängers klingt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLE WEGE FÜHREN DORTHIN

Du kannst mich nicht aufhalten,
wenn Du nicht weißt, wo ich hin will -
Vielleicht will ich mich genau dort aufhalten,
wo Deine Lüge mich hinhalten will -
Dasselbe Wort, das mich belasten soll,
tilgt stattdessen mein Haben, erhöht mein Soll.
Das, was mich verwirren, desorientieren will,
lehrt mich alles, was ich über Euch wissen soll.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

AN EINEM BAHNSTEIG ZU STEHEN

An einem Bahnsteig zu stehen,
allen Wartenden ins Gesicht zu sehen -
Wo wollen wir alle einzeln hingehen?

Züge kommen, im Handumdrehen
scheiden wir uns, wie viele Ehen,
steigen um ins nächste Geschehen
und werden uns alle nie wiedersehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung