DAS UNGEWÖHNLICHE

Nimmer endende Geschichte 
Dreitausendsechshundertundfünfzig Gedichte
Und mehr Gedanken, als ich zählen kann,
Ein Innenleben, von dem ich erzählen kann,
daß es ein nimmer endendes Neigen ist
zum Emporsteigen, weil Geist eigen und artig ist
Und weil die Ewigkeit täglich entsteht,
während Dein Leben täglich zuneigen geht.
Wer Zauber ernten will, der säet, der säet…
Ungewöhnliches, weil Eigenartiges.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERS

Ich sehe die Welt anders.
Ich sehe, daß wir mehrmals leben,
dabei Wechselwirkungen erleben,
als möchte uns das Leben vergeben,
gäben wir uns nun anders.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN SCHNEE EINEN FLUSS BERÜHRT

Wenn Schnee einen Fluss berührt
Wie Gedanken zurückgeführt
Zum Ausgangsort und -zustand
Durch der Natur unsichtbarer Hand,
Denke ich darüber nach:
Ob Meer oder See oder Bach,
Ort des Geschehens bleibt gleich,
Weiher, Fluss, Ozean oder Teich,
Eisig und hart, flüssig, durchlässig, weich,
Es ist alles das magische Wasserreich,
Wo alles stets in Bewegung bleibt,
Mit und gegen alles fließt und sich reibt,
Ständig ankommt, ständig weitertreibt -
Ne, Ort des Geschehens bleibt nimmer gleich.

Kein Gedanke kehrt unverändert zurück
Zum unveränderten Entstehungsheim.
Schlimmer oder besser geworden ein Stück
Findet sich alles wieder zusammen im Schlussreim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BAHNHOFSVIERTEL 1

Eine Wechselstube am Hauptbahnhof
Der bedrückend foulste Gestank trat ein
Alle Kunden drehten sich erschrocken um
Starrten irritiert murmelnd die Quelle an

Eine Weiße drückte die Hand vor die Nase
Eine Asiatin drückte die Hand vor die Nase
Ein Araber drückte die Hand vor die Nase
Ein Schwarzer drückte die Hand vor die Nase

Der Verursacher des üblen Gestanks
Holte etwas vom Schalter, ging wieder
Er war weder weiß noch asiatisch
Noch arabisch noch Schwarz

Er war obdachlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUER WEG

Viele Wege kreuzen mich
Gleichzeitig
Als stammen sie alle von mir
Ursprünglich
Sie führen aber nicht alle zu mir
Letztendlich
Denn ich veränderte mich
Zwischenzeitlich.

Ich erkenne sie alle
Aber ich kenne sie nicht mehr alle
Ich kenne nur mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN MEISTERSTÜCK

Während Du neben mir liefst
Merkte ich, daß Du schliefst
Denn Deine Augen waren nur nach Vorne gerichtet
Die Samen am Straßenrand hast Du nicht gesichtet
Wir liefen und redeten über das gelobte Land
Ich hielt derweil eine Gießkanne in meiner Hand
Und als Du abends neben mir Pause machtest
Merkte ich, wie Du plötzlich aufwachtest
Denn Du sahst auf meiner Straßenseite
Blühende Blumen bis in ferne Weite.

Jetzt verstehst Du warum ich ständig
Am schaffen bin, stündlich, täglich -
Dein Meisterstück ist eine Blume am Straßenrand
An der Du vorbeiläufst unterwegs ins gelobte Land.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TÄGLICH EINFACH

Fokussiere Dich nicht
auf die Größe des zu erklimmenden Berges,
sondern ernst gewappnet
mit dem Ziel Deines Endwerkes
konzentriere Dich auf Ausführung
des täglichen kleinen Schrittes.
Dein Vermächtnis ist die Hochrechnung
Deines einfachen täglichen Auftrittes.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIT MENSCHEN

Wo gibt es sie nicht,
unsere Mitmenschen ohne Menschen?
Wo gibt es sie nicht?
Da gibt es keine Menschen.

Je mehr Menschheit
Desto mehr Unmenschlichkeit
Je mehr Menschen
Desto mehr Einsamkeit

Warum?
Und unten im Tal
Umarmen sich die Häuser
Wie Freunde aus Es-war-einmal.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEREIT SEIN

Bist Du bereit?
Das Schicksal ist.
Bist Du bereit oder nicht.

Bist Du bereit?
Das Schicksal noch nicht.
Weil Du noch nicht bereit bist.

Sei immer bereit
Denn Du weißt nicht
Wenn das Schicksal es auch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SÄT

Alles kommt irgendwann zurück
Wohlgemerkt, nicht nur das Schlimme
Auch das Gute sucht seinen Anfang
Wenn Du es warst, hast Du viel Glück

Du wirst Dich wieder finden
Wieder fühlen, wieder an Dich erinnern
Wie Du warst als Du noch rein warst
Konntest klar denken, klarer empfinden.

Sei mutigen und frohen Mutes
Vertraue die Frucht Deiner Kindlichkeit
Einst als Ehrliches in die Welt gesetzt
Kehrt es sicher zurück als etwas Gutes

Leben wir nicht der Ewigkeit entgegen?
Erneuerung ist unser Markenzeichen
Säet! Säet! Ernten ist der Dank
Der Suchenden, der Mutigen, der Regen!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung