RUHIG NACH VORN

Ich blicke
wie die Nacht und wie der Morgen
wie die Nadel gebannt ihrem Norden
wie ein Kind im Vertrauen geborgen
wie ein Fluss durch Reisen klar geworden
ohne Angst und ohne Sorgen
in mein tägliches Geschick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINST WAREN SIE KINDER

Einst waren sie Kinder
spielten und dachten wie Kinder
spielen und denken
die noch nie blutige, tote Verwandten
gesehen haben..
die noch nie nach Eltern und Geschwistern
gesucht und geweint haben
vergebens
und unter fremde Menschen gelandet sind…
die noch nie die Kindheit und alle Kindlichkeit
aus ihren Herzen gerissen haben
um wie Erwachsene zu denken
zu handeln
zu töten
zu überleben…
die nicht mehr wussten, wie es ist,
Kinder zu sein…
Einst waren sie Kinder und
spielten und lachten und dachten
wie Kinder.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEH-SCHICHTEN

Hast auch Du in Deinem Herzen
so viele Geschichten und Erinnerungen,
von denen Du nicht weißt,
wie Du sie richtig erzählen sollst?

Einige Kapitel Deines Lebens
waren Fortsetzung und Abschluss einer Geschichte,
die in einer verschwundenen Zeit stattfand
manchmal lange bevor Du geboren wurdest.

Einige Kapitel Deines Lebens
waren Präambel und Vorboten einer Geschichte,
die in einer zukünftigen Zeit abspielen wird
manchmal lange noch dem Du gestorben bist.

Wie willst Du diese Geschichten erzählen?
Alles, was Du tun kannst, ist im Heute leben,
der Realität angepasst, und im Heute
für eine bessere Welt mitkämpfen.

Nicht alles kannst Du sagen –
aber sagen kannst Du alles,
was gesagt werden muss…
und was einst weitererzählt werden wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLÖTZLICH FLÜCHTLING

Du machst Dir Sorgen
Du weißt nicht, wo Deine Frau ist
Ihr seid in unterschiedliche Richtungen gerannt
Jetzt sitzt Du hier in diesem Lager

Hat sie Eure Tochter mitgenommen?
Sie ist elf Jahre alt und zieht schon Blicke an…
Es ging alles so schnell – Schüsse!
Und weg ward Ihr alle!

Nur ein paar Sekunden flohst Du
Dann übermannte Dich wieder die Männlichkeit
Du drehtest Dich um, doch die waren verschwunden
Deine Frau und Deine Tochter

Chaos überall. Schüsse und Brand.
Du hast lange gesucht, vergebens –
Jetzt sitzt Du in diesem Lager und denkst
besorgt an Deine Frau und Tochter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEI SAALBURG

Wer hat hier gelebt geliebt
In Frieden im Krieg
Brunnen und Mauer gebaut
In die Augen seiner Geliebten geschaut
Gebeten, gelacht
Über die Zukunft nachgedacht
Gehofft, Freude und Angst gespürt
Das Herz seiner Mitmenschen gerührt
Und für diesen Ort sein Leben
Ohne Zögern gerne gegeben
Hier gealtert, an Gott geglaubt
und sein Körper hier zurückgelassen
als er mit Fragen in seinem Herzen starb?
Denn auch er mußte eines Tages fort?

Wo ist er heute?
Weiß er, daß ich über die Reste
seines geliebten Heimatdorfs
nachdenklich spaziere
und mich frage, was aus seinem Geist
geworden ist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN ZUKÜNFTIGES SELBST RUFT DICH

Neue Wege
und dennoch
gehe ich immer noch
und nur zu Dir.

Du warst schon immer in mir
meine erste Sehnsucht
meine erste Frage
und meine erste Sprache

Du warst alles,
was ich sah, als ich
das erste Mal
die Welt sah:

Die Gewissheit, daß
der Mensch blühen soll
war mir sofort und immer
eine Selbstverständlichkeit

Ich blickte in die Zukunft
und sah mich, aufgeblüht,
mir zu lächelnd,
mich zu mir rufend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBENSZIELE

Der Weg ist zerknittert

Wie ein Blatt Papier, auf dem
Die Richtung einst gezeichnet stand –
Ungefähr.

Dennoch
Immer noch
Lesbar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM SPIEGEL SUCHEN

Ein Junge lief nach langer Wanderung Heim
um seinem Vater zu erklären,
warum er fort gegangen war –
Doch der Vater war mittlerweile schon gestorben,
ohne erfahren zu haben…

Daß sein Sohn gegangen war
auf der Suche nach ihm, dem Vater,
und irrte so lange herum, bis er
die Stimme des Vaters in seinem Herzen vernahm –
denn er war nun ein Mann geworden.

Er schritt nun durch die Tür hinein
Das Haus war leer
An der Wand stand ein Spiegel
Er schaute lang in das Glas hinein
und die Augen seines Vaters, sie schauten zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNGESCHÜTZTE KINDER

Kinder legen sich heute Nacht zum Schlafen
Nach noch einem anderen Tag harter Arbeit
Fragen sich, warum ihre Eltern verschwunden sind –
Stell Dir vor, das wären Deine Kinder
und Du wärest nicht mehr da.

Das ist keine Poesie
Das ist wahres Leben –
Viele solcher Kinder liegen in diesem Augenblick
irgendwo im Dunkel, verängstigt, verwirrt,
desorientiert, einsam, ausgeliefert, wach.

Sie versuchen, den Sinn zu begreifen
Sie versuchen, mutig zu sein
Sie versuchen, die Hoffnung nicht zu verlieren,
und dann irgendwann, kurz vor Mitternacht,
schlafen sie müde ein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung