Wie ein Gast liegt der Schnee, Zu Besuch, im Wohnraum der Stadt ausgebreitet, Fremd und doch Zuhause, und unbegleitet, Wie ein Familienmitglied vom Übersee. Er hat nicht viel zu sagen, genau wie ich, Schweigen ist unsere Sprache des Suchens nach Antwort, Ruhe und Ursache, In diesen Winternächten und -Tagen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Selbstreflexion
GEDULDIG SUCHEN

Ich suche manchmal geduldig über Jahre und Jahrzehnte bewusst und beständig die Antwort auf eine winzige Frage die ich in mir trage. So winzig, Du könntest denken: witzig!, was ist das denn!? Das ist meine Sehnsucht nach Klarheit, meine Bedürfnis nach Wahrheit. Und ich kann warten still, geduldig, auch wenn ich äußerlich herumtreibe, beschäftigt, die Antwort erhaltend langsam in Schritten klein und groß gleichsam. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ES KOMMT AUF DAS INNENLEBEN AN
Wer lang genug lebt, hat genug Sommer erlebt und genug Winter, um zu wissen, wie ähnlich sie sind, nur mal kälter mal wärmer der Wind, doch nicht das Wesen dahinter. Das Herz wird frieren, wenn wir Liebe und Hoffnung verlieren in jeder Jahreszeit. Und wärmer wird das Herz, überwindend Einsamkeit, Verlust und Schmerz, strebt es allezeit nach Wahrheit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (2)
Generationen - Gegossen in die Abzweigung sich widersprechender Nationen. Gefangen im Scheinwerferlicht der Ent-Scheidung. Gemischte Rassen - im Blut und/oder im Kopf vermischt. Beidseitig lieben, was beide Seiten hassen. In Euch ist mein Licht, das niemals erlischt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UNWIRKLICH DU
Jeder, der Dich vermisst, vermisst einen anderen Menschen - So viele Menschen bist Du. Und wenn sie über Dich reden, reden sie nur zur Hälfte von Dir, zur anderen Hälfte jeder über sich. Tief in Dir, wo Du allein bist, ganz am Anfang, als Du allein warst, wer war - wer bist - Du? Und wenn Du kommst, wirklich kommst, wirklich Du, möchte jemand Dich? Und wenn Du gehst, wirklich gehst, wirklich Du, vermisst jemand Dich? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINFACH WEITER SCHREIBEN
Das Gedicht endete so schnell, So plötzlich, brauchte keinen Reim, Ein Leben, intensiv und hell, Bald ist der Geist wieder Daheim. Meine allergrößte Schwäche Ist die lebenslange Unfähigkeit, Zuzugeben meine größte Schwäche: Die unheilbare Einsamkeit. Kein Fremdland kann einsetzen, Was in der Heimat fehlt - Kein Fremdgang kann ersetzen, Was Dir die Ehe stehlt. Und währenddessen endet Das Gedicht insgeheim. Dein Schmerz hat Dir geblendet - Es hatte doch seinen Reim. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINE STIMME
Der Wind stieg aus dem Meer empor lief durch den Wald erzählte dort wilde Geschichten über das Meer - Und ich sagte zum Wasser, Sei nie wieder stimmlos. Der Wind stürzte aus dem Wald heraus lief brausend durch die Stadt erzählte dort schräge Geschichten über den Wald - Und ich sagte zu Bäumen, Seid nie wieder stimmlos. Und ich schaute in den Spiegel und sah den Schmerz in meinem Gesicht und ich sagte zu mir sei nie wieder stimmlos! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINSAM IST DAS DICHTEN
Einsam ist die Dichterin, der Dichter, Ein Mensch unter tausend Gedanken. Und Du, seine Richterin oder Richter, denk doch zuerst an dieses Innengeflüster, bevor Du anfängst, mit ihr oder ihm zu zanken. Wir sind mehr als Rasse oder Farbe, mehr als Geschlecht oder Gender, mehr als Kultur oder Klasse oder Behinderung, Orientierung, Bildung, mehr als politisches Agenda. Wir sind die Nacht, wir bergen Geheimnisse, von denen sogar wir noch nichts wissen, bis sie raus schlüpfen, namens Gedichte. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHWARZ GEBOREN
Ich spüre Euer Blut
Wenn ich Eure Musik höre
Flammend mit Eurer Glut
Hallend Eure glückliche Sprechchöre
Hallend unsere glückliche Sprechchöre
Unterdrückt, dennoch steigen wir
Unter Druck werden wir selbstbewusster
Mit unserer unbändigen Freude zeigen wir
Wir lachen, unbeeindruckt, uneingeschüchtert!
Ich bin dankbar, Schwarz geboren zu sein
Ich bin glücklich, Schwarz geworden zu sein
Ich bin stolz darüber, Schwarz gelesen zu sein
Egal was ich dabei verliere,
Gewinne ich gerade dadurch meine schützende Barriere.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALS WÄREN SIE FREMDE
Als wären sie Fremde blicke ich auf vier Menschen zurück, unterschiedlich wie die vier Jahreszeiten - jeder von meiner Vergangenheit ein Stück. Einst kannte ich sie, heute betrachte ich sie auf alten Bildern und im Gedächtnis wie verstorbene Freunde - anders kann ich das nicht schildern. Wie die Zeit und die Welt uns unmerklich doch sicher verändern - Kinder wachsen, Freunde gehen, wir finden Nähe in entfernten Ländern und lernen leben als Fremde an deren Rändern. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
