Jeder, der Dich vermisst, vermisst einen anderen Menschen - So viele Menschen bist Du. Und wenn sie über Dich reden, reden sie nur zur Hälfte von Dir, zur anderen Hälfte jeder über sich. Tief in Dir, wo Du allein bist, ganz am Anfang, als Du allein warst, wer war - wer bist - Du? Und wenn Du kommst, wirklich kommst, wirklich Du, möchte jemand Dich? Und wenn Du gehst, wirklich gehst, wirklich Du, vermisst jemand Dich? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Selbstreflexion
EINFACH WEITER SCHREIBEN
Das Gedicht endete so schnell, So plötzlich, brauchte keinen Reim, Ein Leben, intensiv und hell, Bald ist der Geist wieder Daheim. Meine allergrößte Schwäche Ist die lebenslange Unfähigkeit, Zuzugeben meine größte Schwäche: Die unheilbare Einsamkeit. Kein Fremdland kann einsetzen, Was in der Heimat fehlt - Kein Fremdgang kann ersetzen, Was Dir die Ehe stehlt. Und währenddessen endet Das Gedicht insgeheim. Dein Schmerz hat Dir geblendet - Es hatte doch seinen Reim. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINE STIMME
Der Wind stieg aus dem Meer empor lief durch den Wald erzählte dort wilde Geschichten über das Meer - Und ich sagte zum Wasser, Sei nie wieder stimmlos. Der Wind stürzte aus dem Wald heraus lief brausend durch die Stadt erzählte dort schräge Geschichten über den Wald - Und ich sagte zu Bäumen, Seid nie wieder stimmlos. Und ich schaute in den Spiegel und sah den Schmerz in meinem Gesicht und ich sagte zu mir sei nie wieder stimmlos! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EINSAM IST DAS DICHTEN
Einsam ist die Dichterin, der Dichter, Ein Mensch unter tausend Gedanken. Und Du, seine Richterin oder Richter, denk doch zuerst an dieses Innengeflüster, bevor Du anfängst, mit ihr oder ihm zu zanken. Wir sind mehr als Rasse oder Farbe, mehr als Geschlecht oder Gender, mehr als Kultur oder Klasse oder Behinderung, Orientierung, Bildung, mehr als politisches Agenda. Wir sind die Nacht, wir bergen Geheimnisse, von denen sogar wir noch nichts wissen, bis sie raus schlüpfen, namens Gedichte. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHWARZ GEBOREN
Ich spüre Euer Blut
Wenn ich Eure Musik höre
Flammend mit Eurer Glut
Hallend Eure glückliche Sprechchöre
Hallend unsere glückliche Sprechchöre
Unterdrückt, dennoch steigen wir
Unter Druck werden wir selbstbewusster
Mit unserer unbändigen Freude zeigen wir
Wir lachen, unbeeindruckt, uneingeschüchtert!
Ich bin dankbar, Schwarz geboren zu sein
Ich bin glücklich, Schwarz geworden zu sein
Ich bin stolz darüber, Schwarz gelesen zu sein
Egal was ich dabei verliere,
Gewinne ich gerade dadurch meine schützende Barriere.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALS WÄREN SIE FREMDE
Als wären sie Fremde blicke ich auf vier Menschen zurück, unterschiedlich wie die vier Jahreszeiten - jeder von meiner Vergangenheit ein Stück. Einst kannte ich sie, heute betrachte ich sie auf alten Bildern und im Gedächtnis wie verstorbene Freunde - anders kann ich das nicht schildern. Wie die Zeit und die Welt uns unmerklich doch sicher verändern - Kinder wachsen, Freunde gehen, wir finden Nähe in entfernten Ländern und lernen leben als Fremde an deren Rändern. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GESELLIGKEIT SCHÜTZT NICHT VOR EINSAMKEIT
Die erdrückende Oberflächlichkeit eines Lebens ohne Anbindung - Sprache führt in die Tiefe. Sprachlosigkeit verspricht ihre eigene Verbindung. Warum reden, wenn Schweigen der Schlüssel ist zum Aufsteigen? Die Leichtigkeit der Bedeutungslosigkeit ist der schwerste Druck zu ertragen. Geselligkeit schützt nicht vor Einsamkeit - Die Nähe der Ferne bringt Unbehagen. Menschen, die alles zeigen, wollen etwas verschweigen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
OHNE ERINNERUNGEN
Ich habe Erinnerungen die ich manchmal lang vergesse - Die Erinnerung an diese Erinnerungen finde ich, ein Schwarzer Hesse, illuminierend. Denn sie erinnern mich an eine Zeit, bevor es mich gab und sie machen mich deren teilhaftig, weil ich ihren Geist in mir hab, neu orientierend. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DECKMANTEL
Orange könnte gelb oder rot oder braun sein Entschied sich nachdenklich aber für orange Meine orangene Decke könnte eine Umarmung, ein Mantel oder ein Dach sein Entschied sich aber feinfühlig dafür, eine Decke zu sein Mein Deckmantel könnte eine Geschichte, ein Gesichtsausdruck, eine Verhaltensweise oder sogar eine Beziehung sein - Aber er entschied sich dafür einfach nichts zu sein. Und dadurch alles. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KURZ UND LANG LEBEN
Wer lang genug lebt zeigt irgendwann seinen wahren Charakter Je länger ein Mensch redet desto exakter wird er und immer exakter im Enthüllen seiner wahren Absicht - Ein Roman ist verräterischer als ein Gedicht. Und dennoch. Sehr oft ist es diejenigen, die kurz leben Sehr oft ist es diejenigen die wenig reden, die an uns kleben weil sie Ehrlichkeit und Wahrheit hinterlassen - eine lebenslange Klarheit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
