WEITERLEBEN

Anstatt zu sterben, wie erwartet,
lebte ich weiter…
Ein Vogel ziehend im Sonnenuntergang
Eine Glocke mit noch einem Nachklang
Ein einsamer Kletterer am Berghang
Ein Schwan ohne Sterbegesang
Anstatt zu sterben wie erwartet,
lebte ich weiter…

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MANN UND SCHMERZ

Wie viel Schmerz kannst Du ertragen
bevor Du ihn nicht mehr ertragen kannst?

Wie viel Schmerz kannst Du ertragen
bevor er Dich nicht mehr ertragen kann
und Dich weiter ziehen lässt?

Du bist stärker als sie es der Welt sagen -
Schmerz erprobt und winterfest!
Du kannst weit mehr Schmerz ertragen,
als Du es mit Worten erklären kannst.

Denn Du bist ein Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Poems from the inner river

ABFLIEGEN ABWIEGEN

Wie weit soll ich fliegen
um allem zu entkommen?
Wie weit soll ich fliegen
um endlich anzukommen?
Oder soll ich nicht wegfliegen?
Soll ich bleiben und leiden?
Beflügelte Herzen wiegen
schwer, was sie entscheiden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN LAND

Ein Land, zwei Seiten
Eine Seite, zwei Länder
Deutschland Deine weiten
Tiefen sprechen Bänder.
Das, was Du hasst,
ist ein Teil von Dir,
weil Du es hast
tief in Dir und tief in mir.

Das, was Du hast,
ohne es zu beachten,
ist‘s, was zu Dir passt -
Nur tiefer beobachten.
Die Gleichart ist tiefer als gedacht
und verdient nicht so viel Verdacht
und verdient nicht so viel Verdacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IRGENDJEMAND

Egal wie Du Deine Worte wählst
irgendjemand wird sie falsch finden
Egal wie weit weg Du von allen stehst
an irgendjemanden wirst Du Dich binden
Egal wie fest Du sie alle an Dir hältst
irgendjemand Liebes wird aus Deinem Leben verschwinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WIR DAS VOLK

Der Hund dreht seinen Kopf soweit er kann
verzweifelt zum Linken und zum Rechten
aber seine Schnauze kommt nicht ran
Er kann seinen Rücken nicht kratzen

Jemand anders muss es für ihn machen.
Dann gibt’s Erfolg.

Die Politik pendelt von den Linken zu den Rechten
Und wieder zurück mit keinem Ende in Sicht
Oszilliert zwischen den „Echten“ und den „Echten“
Und trifft die Mitte nicht.

Die Nicht-Politischen müssen es machen.
Wir das Volk.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN NEUER BUND

Ein neuer Bund
Basiert nicht auf Blut oder Boden
Sondern auf geistigem Grund -
Nur das allein führt nach Oben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERBSTNARBEN

Wenn der Herbst kommt
komme ich an
Werden die Blätter bunt
zeige ich meine wahren Farben
Werden die Bäume nackt
seht Ihr meine schönen Narben
Vertrauen habe ich verlernt
In Deutschland irgendwann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DAS GEWICHT TRAGEN WIR MIT

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf gleichgültigen Schultern
ganz egal die Herkunft unserer Eltern
packen wir mit an und halten Schritt.

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf weitsichtigen Schultern
die Werte kennend die Unwertes herausfiltern
und stabilisieren langfristig unseren Tritt.

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf belastbaren Schultern
denn hier leben, hier schaffen, hier altern
werden wir, mit verankert im Durchschnitt.

Das Gewicht der Nation tragen wir mit
auf leichten Schultern
leicht gemacht im selbstbewussten muntern
Stolz, der alle Lügen erfolgreich bestritt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WENN DU MICH ANSIEHST

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Deutschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Nigerianer in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Su mich ansiehst
siehst Du nicht den Menschen in mir
siehst Du mich nicht.

Egal was Du siehst
wenn Du mich ansiehst
siehst Du nicht den Fremden in mir
dann siehst Du mich wirklich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

*Vielen Dank an Edith Schwarberg für die tolle Illustration!