DIE NACHBEWUNDERUNG

Ich wachte früh auf
Es war noch nicht die dritte Uhr
Und ich wartete auf den Moment
des Anbruchs der Morgendämmerung
um ihn heute zu fangen…

Ich blieb lange wach – und war wach
und beobachtete aufmerksam
mit Augen und Ohren und Nase
mit Haut und allem, was dahinter wohnt
– und bemerkte ihn nicht anfangen…

Nach einer Weile fiel mir auf
daß es schon seit einer Weile heller geworden war
und daß ich schon seit einer Weile
das leise Zwitschern ferner Vögel
unbewußt hab empfangen…

Der Tag, wie der erste Tag, kam zuerst
und erst danach mein Bewusstsein von ihm
Wie das Wunder vor seiner Bewunderung
kam zuerst das ewig sich wiederholende Ist
und ich bin ewig in dem Danach gefangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN KURZER MOMENT DER KLARHEIT

Immer wieder versuche ich
in den Kopf des 15-jährigen
hinein zu gelangen, der ich einst war
denn er hat die ganze Welt
mit einer Klarheit durchblickt und verstanden
die mir abhanden gekommen ist.

Er wusste, wer er war und was er wollte
Er wusste, was er mußte.
Er wusste, daß das, was er wusste, richtig war
Und er versuchte, vergebens, alles fest zu halten
Denn er wusste, er würde es einst vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

INNENWELTEN

Eine Blume ohne Garten
Kann nur im Herzen als Spiegelbild blühen
Mancher Arten Gleicharten
Suchen vergebens, die auf Erden wühlen
Etwas in Dir wider Erwarten
Ist Deiner Nation und Deiner Rasse und Deinen Schulen
Und Deiner Religion und Allem fremd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ORDNUNG

Die Schranken fallen
Endlich Freiheit
Das Wahre in jedem, es tritt vor
Unterdrückung, dachten wir, war die Hölle
Doch die Freiheit ist selbst die grenzenlose Hölle

Gefangen und verloren in der Freiheit
Wir finden keinen Weg zurück
Zurück zu den Ketten
Die Ketten, die uns besser kannten, als wir uns selbst
Die Ketten, in denen wir frei waren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VOLL ODER LEER

Wenn Du zufrieden bist,
Bist Du voll oder leer?

Wenn Du unzufrieden bist,
Bist Du voll oder leer?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BITTE WENDEN

Das alte macht dem neuen Platz
Und wird selbst zum ewigen Schatz
Im Gedächtnis genannten Grab

Der Schmerz, den ich gestern vergab
Ist der Frieden, den ich heute hab –
Schreib auf meinem Grab nur diesen Satz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

POLIZEILICH BEKANNT

Das Traurigste in einer Gesellschaft
Ist der Verlust an Vertrauen
In den Beschützer unseres Vertrauens
In die Vertrauenswürdigkeit unserer Gemeinsamkeit.

Das vertrauteste Gesicht des Staats
Ist nicht der/die Bundeskanzler/in
Das bekannteste Gesicht des Staats
und sein Herz, ist der/die Polizist/in.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MIT DIR EWIG LEBEN

Warum kann das Leben nicht ewig sein?
Das Leben muss ewig sein.
Das Leben ist ewig.
Wenn nicht auf Erden
Denn irgendwo sonst
Und dort will ich Dich treffen
Nach dem wir hier auf Erden fertig sind
Und anderweitig weiter suchen dürfen
Denn ich will mit Dir ewig leben, Ayabona.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NAH UND FERN

Wie viel Nähe verträgt die Distanz zum Fremden?
Ich wünsche, ich könnte Dir meine Gedanken so nah bringen,
Du würdest sie für Deine halten. Und so weit entfernen,
Du könntest sie nie mehr berühren oder in sie eindringen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEBEN MIR VOR SOLIDARITÄT

Wie kam ich dazu
Neben mir zu stehen?
Werde ich mit mir wieder einig
Wenn ich neben mir gehe?

Wann bin ich stärker:
Wenn ich einer bin oder zwei?
Denn einer kann sich vergessen
Doch zwei erinnern sich gegenseitig.

Aber einer ist auch mit sich stets einig
Und zwei lähmen sich durch Streit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung