SELBSTBESTIMMUNG

Du kannst mir nicht sagen
Wie ich heiße.
Wenn Du das nicht weißt
Dann weißt Du erst recht nicht
Wie ich heiße

Denn wie kannst Du wissen
Wie ich heiße
Wenn Du nicht weißt
Wer ich bin
Was ich bin

Wo ich gerade bin auf meiner Reise
Und warum?
Vor allem weißt Du nicht
Wie ich es bis hierher schaffte
Und warum ich nicht mehr zu stoppen bin

Auch nicht durch die Begrenzung
Einer fremdbestimmten Bezeichnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER STURM KOMMT

Es wird dunkel
Dunkler als je es war
Es wird gemunkelt
Der Sturm kommt

Festigt Eure Wurzeln
Und Dach und Fenster und Tür
Wahre gute Eures Herzens Schlüssel
Der Sturm kommt

Er kommt
Geblendet durch seinen Blutrausch
Er kommt

Entfacht Eures Mutes Funke
Bereitet Euch für den langen Kampf -
Es ist die Stunde des Dunkels
Die Stunde seines Niedergangs.

Der Sturm des Guten, er kommt auch!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWARZER MANN

Schwarz, nach dem Ebenbild meines Vaters,
Nicht im Sinne Deiner Vorstellung.
Mann, nach dem Ebenbild meines Vaters,
Nicht Gemäß Deiner Einstellung.
Selbstschützend, mit der Tiefe meiner Eltern,
Ich gebe mich nie zur Ausstellung.
Wenn das hier nicht passt, dann passt es nicht.
Mein Herz ist ebenso afrikanisch wie mein Gesicht.
Und mein Kern ist von Urbeginn an voll vermenschlicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUE BLÄTTER

Schulter an Schulter
stehen die Bäume
während sie ihren Weg gehen
durch die saisonalen Zeiträume

Und alle Menschen
die an ihnen vorbei gehen
Wie schnell hören sie auf,
wir auf, zu bestehen?

Die Gesellschaft wandelt
doch ihre Wurzeln bleiben bestehen
Die Gesellschaft bleibt unverändert
doch neue Blätter kommen und gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN MEISTERSTÜCK

Während Du neben mir liefst
Merkte ich, daß Du schliefst
Denn Deine Augen waren nur nach Vorne gerichtet
Die Samen am Straßenrand hast Du nicht gesichtet
Wir liefen und redeten über das gelobte Land
Ich hielt derweil eine Gießkanne in meiner Hand
Und als Du abends neben mir Pause machtest
Merkte ich, wie Du plötzlich aufwachtest
Denn Du sahst auf meiner Straßenseite
Blühende Blumen bis in ferne Weite.

Jetzt verstehst Du warum ich ständig
Am schaffen bin, stündlich, täglich -
Dein Meisterstück ist eine Blume am Straßenrand
An der Du vorbeiläufst unterwegs ins gelobte Land.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICHSUCHT IST KEINE BRÜCKE

Nie waren wir selbstbestimmter
und selbstbestimmender
Nie waren wir tauber und blinder
Nie das Leben unerfüllender
Zu viel Ich, zu wenig Wir
Wer alles besser weiss, weiß es nicht
Ichsucht ist keine Brücke von mir zu Dir
Wer immer Recht hat, hat es nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Das Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLAU ALS WÄRE

Gibt es einen Ort -
und da würde ich hin, sofort -
blau als wäre der Himmel ein Kleid
gefertigt aus Freude, gewaschen aus Leid,
an- und ausziehbar wie aus Seelentiefen
ein Lächeln, das suchende Augen riefen,
fern und fließend im Wind wie ein Traum,
ruhig und festsitzend wie ein uralter Baum,
eng anliegend wie ein verbindendes Eid,
ein unendlicher blauer blauer Raum…
fast eine Erinnerung, in der wir schliefen…
Gibt es irgendwo diesen Ort?
Da würde ich hin, und sofort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

TÄGLICH EINFACH

Fokussiere Dich nicht
auf die Größe des zu erklimmenden Berges,
sondern ernst gewappnet
mit dem Ziel Deines Endwerkes
konzentriere Dich auf Ausführung
des täglichen kleinen Schrittes.
Dein Vermächtnis ist die Hochrechnung
Deines einfachen täglichen Auftrittes.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLÜHE

Deutschland,
der vielfältige Regenbogen da
im Spiegel, und menschlich, das bist Du.
Verinnerliche Dich. Deine Blütezeit ist nah.
Du bist mehr, als Du weißt
Blühende Menschen aller Farben, und ja
sie tragen Deinen Geist und tragen ihn aus.
Siehst Du irgendwann, was ich längst sah?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MANN

Du weißt nicht, was Du ertragen kannst
Bis Du es ertragen musst.
Du weißt nicht, was Du überleben kannst
Bis Du es überleben musst.

Wie fühlt es sich an,
Wenn eine ganze Gruppe Jagd auf Dich macht?
Wie fühlt es sich an,
Wenn ein Auto aus dem nichts in Dich kracht?

Es fühlt sich wie das Leben an
Wo Du nicht weißt, wem Du vertrauen kannst.
Es fühlt sich wie das Leben an
Wo Du lernst, daß Du Dir selbst vertrauen kannst.

Der Samen stirbt in der Erde
Eher er zum Baum wiederauferstehen kann.
Mein inneres Kind starb auf der Erde
Damit ich wiederauferstehen konnte als Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung