Wir fangen bei jeder neuen Generation wieder von Null an, als hätten wir nicht bereits in der jeweils vorherigen Generation alles gegen Hass getan und seinen Anpassungsanreiz. Sisyphus war kein Mensch, er ist die Menschheitsgeschichte - Die Hartnäckigkeit unserer Tendenz zu reinkarnieren unsere Bösewichte. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Selbstwerdung
DAS NEUE, JA
Und dann… begann irgendwann das neue Jahr Nicht ganz am 1. Januar weiß ich fürwahr weil ich - und das Neujahr gefühlt nicht - da war. Also vielleicht davor? Ob das alte Jahr Zeit verlor? Und das neue schon alt war? Oder erst in den Tagen danach… denn in den Tagen danach ist keiner mehr wach. Das Tor steht unbewacht und wie ein Dieb in der Nacht beginnt die neue Zeit. Bist Du bereit? Es ist soweit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FERN VON GESTERN

Ein langer Weg trennt mich vom letzten Jahr. Seltsam, es war ja erst gestern - Doch die Nacht, der Schlaf, die tausend Träume zwischen den Mitternachtsglocken und dem Morgenstern waren eine riesengroße weitenumspannende Brücke, ein großer steinerner Bogen, über den ich schritt wie ein Reisender auf der Suche nach Klarheit und Glücke von Gipfel zu Gipfel sich tapfer durchkämpft über Täler und Schluchten und tiefe, weite Klüfte stets die Gegenwart sucht. Gestern war vor tausend Jahren, letztes Jahr ist vergangen. Seelenfenster auf! Ich lüfte! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (2)
Generationen - Gegossen in die Abzweigung sich widersprechender Nationen. Gefangen im Scheinwerferlicht der Ent-Scheidung. Gemischte Rassen - im Blut und/oder im Kopf vermischt. Beidseitig lieben, was beide Seiten hassen. In Euch ist mein Licht, das niemals erlischt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NOVEMBERSCHNITT
Er macht es jedes Mal. Er schafft es, auf einmal Mich zu töten und ich bin tot Ohne Übergang. Wirklich tot. Die alte Person, die einst mein Ich war Wird zur Erinnerung, und zwar und zwar Zur kalten fernen Figur Mit mir fremder ungewöhnlichen Natur - War ich je das? Ist das wirklich wahr? November tötet mich, nicht jedes Jahr Aber immer wieder kommt der Schnitt Hart, endgültig beginnt ein neuer Abschnitt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHWARZ GEBOREN
Ich spüre Euer Blut
Wenn ich Eure Musik höre
Flammend mit Eurer Glut
Hallend Eure glückliche Sprechchöre
Hallend unsere glückliche Sprechchöre
Unterdrückt, dennoch steigen wir
Unter Druck werden wir selbstbewusster
Mit unserer unbändigen Freude zeigen wir
Wir lachen, unbeeindruckt, uneingeschüchtert!
Ich bin dankbar, Schwarz geboren zu sein
Ich bin glücklich, Schwarz geworden zu sein
Ich bin stolz darüber, Schwarz gelesen zu sein
Egal was ich dabei verliere,
Gewinne ich gerade dadurch meine schützende Barriere.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALS WÄREN SIE FREMDE
Als wären sie Fremde blicke ich auf vier Menschen zurück, unterschiedlich wie die vier Jahreszeiten - jeder von meiner Vergangenheit ein Stück. Einst kannte ich sie, heute betrachte ich sie auf alten Bildern und im Gedächtnis wie verstorbene Freunde - anders kann ich das nicht schildern. Wie die Zeit und die Welt uns unmerklich doch sicher verändern - Kinder wachsen, Freunde gehen, wir finden Nähe in entfernten Ländern und lernen leben als Fremde an deren Rändern. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WAS KOMMT DANACH?
Was kommt danach? Wie sieht es aus? Ich habe es vergessen. Sicher gibt es Seen und Matten und Berge und Bäume und Menschen - Aber gibt es Palmen und Zypressen? Wenn ich mich recht erinnere gab es bei Durst Schönheit zum Trinken, und bei Hunger Wahrheit zum Essen. Ich seh einen Hain und eine Bank, vage, unscharf, aber mich dünkt‘s, ich habe dort schon mal gesessen. Ich sehe auch das Gesicht eines Menschen, er sitzt neben mir. Aber wessen Gesicht ist das? Wessen? Ein guter Freund, ich spüre es. Von vor langer langer Zeit. So lange her, ich kann es mit Verstand nicht messen. Nur seelisch spüren. Ein Ort der Güte, wo die Geister sich gegenseitig nur Gutes aufs Gemüt pressen. Was kommt mir nach der Erde, nach Nigeria und Deutschland, nach Biafra und Lagos und Hessen? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
OHNE ERINNERUNGEN
Ich habe Erinnerungen die ich manchmal lang vergesse - Die Erinnerung an diese Erinnerungen finde ich, ein Schwarzer Hesse, illuminierend. Denn sie erinnern mich an eine Zeit, bevor es mich gab und sie machen mich deren teilhaftig, weil ich ihren Geist in mir hab, neu orientierend. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
TAUCHEN AUF GUT GLÜCK
Ein Tag mehr Ein Tag weniger Macher bereuen wenig Träumer bereuen mehr Lass die Tage nicht leer zurück Ein Tag ist ein Tauchen auf Glück Je tiefer, desto belohnender Oberflächlichkeit ist abtötender Du wirst sterben Befreie Dich von JEGLICHEM äußeren Zwang Hinterlasse heute auf Erden Deinen eigenen inneren Schwanengesang Ein Tag mehr Ein Tag weniger. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
