IM FREMDEN

Als ich die Treppe hinunter stieg
in den Keller, in mich, in den Krieg,
brauchte ich eine andere Stimme,
eine Sprache, die das Schlimme
in der Welt anders sah und beschrieb
als ich es bisher sprachlich betrieb -
So sprach sich aus mir eine dritte Lunge
in einer neuen, fremden, deutschen, Zunge,
denn wenn Du Dich besser sehen willst
musst Du Dich durch fremde Augen reflektieren,
und wenn Du Dich selbst tiefer verstehen willst
musst Du Dich in einer fremden Sprache artikulieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER DRANG NACH ENTWICKELUNG

Irgendetwas will,
es will raus -
In mir tobt April
wie ein Kind Zuhaus.

Lass mich hinaus
als Kind in die Welt -
ich komm zurück nach Haus
fertig und entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OSTERNACHKLANG

Mein Blut blüht auf,
eine Blume in April -
Der Ostern ruft: „Lauf!“
Ich erwache! Ja, ich will!

Wo kommst Du denn her,
einsamer Glockenklang?,
singend, „Näher!, komm näher,
Ich bin erst der Empfang.

Da, wo wir herkommen,
klingt es tausendfach schöner.“
Da, wo WIR herstammen?
„Ja, da ist‘s wunderschöner.

Ich bin aus Deiner Heimat
und läute Dir den Weg zurück,
o Menschenblatt,
im Lebensbuch ins ewige Glück!.“

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE GRUNDEINSTELLUNG

Die Grundeinstellung
Demut, Mut, Bescheidenheit, Nichtigkeit,
Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Einfachheit,
Die Grundausstattung
Für die Reise zum Frieden
Wir sind alle der gleichen Herstellung
Egal wie verschieden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UNTERSCHIEDLICHE WEGE

Du hast Deinen Weg
Ich habe meinen
Wenn Du am Ziel bist
Bin ich noch auf dem Weg

Auf meinen beiden Beinen -
Eins Pessimist, eins Optimist -
Gehe ich meinen Weg.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

TOTE GEISTER

Wir haben nicht mehr viel Zeit
um länger tot zu bleiben –
Nur Lebendige können die Ewigkeit
sich wiederholt einverleiben.

Nicht tote Geister reinkarnieren
sie bleiben begraben.
Nur diejenigen dürfen existieren
die Leben in sich haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IMMER DER ZEIT VORAUS

Fang früh an
denn das Ende kommt immer früher
als erwartet. Wann
und wo kann Dir egal sein, denn eher
es kommt, bist Du schon fertig,
wenn Du früh anfängst und dran
bleibst, stets gegenwärtig.
Erfüllung ist allgegenwärtig nur dann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITER REISEN

Wofür war die ganze Zeit?
Umsonst?
Ich gab Euch meine ganze Zeit
Meine beste Zeit
Umsonst.

Wieviel Zeit habe ich noch übrig?
Die Haare werden silbrig
Die Stimme einsilbig

Da! Dort! In der Ferne!
Meine Träume! Meine Sterne!
Euch erreiche ich immer noch gerne.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER LANGSAME WEG

Der langsame Weg
Der prägt am tiefsten
Seine Berührungen sind schräg
Seine Blicke am Schiefsten

Er zieht Dich runter
Zum untersten Punkt tief in Dir
Und schlägt Dich munter
Und scheuert Dich bunter
Und führt Dich nach Hause zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZUM GLÜCKE

Langsam geht das Alte zur Neige.
Was wird das Neue bringen?
Findest Du nie heraus, bist Du feige.
Das Leben will Dich zum Glücke zwingen,
Dein Glück musst Du selbst erringen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung