ABSTURZ

Es sind mehr Menschen von Armut gefährdet
Als Ihr denken würdet
Ein Tag vor dem Absturz wirken sie stolz und stark
Ein Tag danach schlafen sie das erste Mal im Park
Entwurzelt, nimmer mehr geerdet
Hoffend, bin bestimmt bald wieder autark.

Ins Loch rutschen, das geht schnell
Wieder heraus klettern schwer ohne Gestell
Schwer ohne System offen dem Appell.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

FLUCHTBEGLEITER

Ich kann Dir Deine Bürde nicht nehmen
Jeder muss mal einen Fluchtweg wandern
Keiner von uns sollte sich deshalb schämen
Vor sich selbst oder über den andern
Das würde uns als Menschen lähmen

Ich möchte unser Menschentum mit Dir teilen
Auf daß wir uns gegenseitig begleiten
Auf der Flucht vor Unmenschlichkeit in Menschlichkeit weilen
Den Verstand beruhigen, das Herz ausweiten
Die Wunde - Misstrauen - wieder heilen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR VERGESSEN UNS SELBST

Menschen vergessen oft,
daß es Menschen sind, mit denen sie reden -
Fremde ist nur ein anderes Wort für Menschen.

Menschen vergessen oft,
in ihrer Sehnsucht & ihrem Streben nach Eden,
worum es geht: nicht um Regeln, sondern um Menschen.

Politik, Kultur, Systeme sind nicht so wichtig
wie lebendige Menschengeister, einen jeden -
das vergessen oft Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLAU ALS WÄRE

Gibt es einen Ort -
und da würde ich hin, sofort -
blau als wäre der Himmel ein Kleid
gefertigt aus Freude, gewaschen aus Leid,
an- und ausziehbar wie aus Seelentiefen
ein Lächeln, das suchende Augen riefen,
fern und fließend im Wind wie ein Traum,
ruhig und festsitzend wie ein uralter Baum,
eng anliegend wie ein verbindendes Eid,
ein unendlicher blauer blauer Raum…
fast eine Erinnerung, in der wir schliefen…
Gibt es irgendwo diesen Ort?
Da würde ich hin, und sofort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DURCH MUT ZUR MENSCHLICHKEIT

Wie wird aus Mehreren Einer?
Ist das schwer?
Wie wird aus Mehreren Keiner?
Ist das nicht schwerer?

Wie kann eine Gesellschaft so blind sein
daß sie ihre eigene Vielfalt missversteht?
Mutige Menschen, es kann nicht sein,
daß Ihr schweigsam bei Seite steht

während Mitmenschen-Verneiner
spalten uns durch Fremdenfeindlichkeit. -
Wie wird aus Mehreren Einer?
Durch Mut zur Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEINE HEIMAT

Deine Augen saßen wie tote Steine auf Deinem Kopf
Die waren offen, sahen alles, begriffen nichts
Dieses Unbegreifen angesichts
der Tatsache, daß klopf-klopf-klopf-klopf,
unsere normalen menschlichen Taten
an die Türen Deines Herzes ungehört appellieren,
bewirkt die Weltenwende: wir rebellieren,
geraubt von allen unseren Heimaten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE GESELLSCHAFT DER MITMENSCHEN

Haben wir gelernt
das Gelernte zu verinnerlichen?
Wer hat den großen Balken
aus eigenem Auge denn schon entfernt?

Gesellschaft. Wie schnell
machst Du aus Mitmenschen fremde Wesen!
Und doch machtest Du einst als erste Fremde
Dir die ganze Welt zur Heimat, universell.

Ein äußeres Auge ist dem Inneren blind
Ein inneres Auge sieht aber das Äußere
Gesellschaft, Du brauchst alle Deine Herzen
Jedes, groß und klein, ist im Herzen Dein Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE KLEINEN TIEFEN DINGE

Es sind die normalen
die kleinen
die gewöhnlichen Dinge
die das Außergewöhnliche bewirken

Ein Lächeln schiebt eine Leiter ins Loch
mit der ein Verlorene heraus klettern kann..
Ein Moment des Zuhörens, der Anteilnahme
Ist auch eine stärkende Aussage: Bleibe dran!
Bleibe dran bei Deinem ehrlichen Versuch
Sinn zu machen aus Deinem verwirrten Lebensplan.

Wo Kleines sich traut, wird Großes mitwirken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEBEN UND NEHMEN

So viel zu geben
Kein Abnehmer
So viel benötigt
Kein Abgeber
Angefangen von Vertrauen
Bis zum sich gegenseitig in die Augen schauen
Und Eine Gesellschaft zusammen aufbauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN UND NAH

Die Welt ändert sich schneller
als unsere Clichés hinterher laufen können -
Brülle sie so laut wie Du magst
sie zerflattern wie Rauch im Winde.

Schwarze entsprechen ihren Clichés nicht
Weiße entsprechen ihren Clichés nicht
Männer nicht, Frauen nicht, Schwulen nicht
Fremde, Behinderte, Obdachlose, alle nicht.
Niemand ist noch das, was er sein soll.

Und als ich die Verwirrung in allen Augen sah
dachte ich mir, wie fern wir voneinander sind
und doch so nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung