SCHIENEN

Schienen -
Du auf Deinen,
ich auf meinen -
schienen
verschieden zu sein.
Doch wir mieden den Schein,
spürten das Wesentliche,
das innere Ähnliche
zwischen ihnen,
unseren sich getrennt scheinenden
doch stets innig verbunden seienden
Schienen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JEDER MENSCH HAT DIE WAHL

Keiner hat keine Innere Stimme,
egal ob Politiker, Rechtsanwalt oder Sportler,
Arzt, Beamter, Handwerker, Wissenschaftlicher,
Jeder Mensch, der Gute und der Schlimme,
hat die Wahl zwischen erster und zweiter Stimme.

Denn die übergeordnete Gesetzmäßigkeit,
die uns das Leben und den Tod verleiht,
allumfassend in unser Tatsächliches einschneit
mit einem unfehlbarem Gespür für Wahrhaftigkeit,
und sie unterwirft uns dieser Gesetzmäßigkeit.

Die innere, für manche die zweite Stimme,
ist die tiefere, die Empfindung, die erste.
Unser hoher Verstand ist das aller unterste
im Bewusstsein des Berggipfels, den ich erklimme,
und der stets sagt: folge nur deiner inneren Stimme.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IMMER DA

Das, was Du nie siehst
weil es unsichtbar und so fremd ist…
An dem Du Dich aber hoch ziehst
unbewusst, weil es stets da und nah ist…
Was Du nicht begreifen kannst,
weil es einfach und allem übergeordnet ist…
Das, was Du nicht ahnst,
weil es selbstverständlich doch nicht oberflächlich ist…
Das Vorhandensein von Gott -
Das Empfinden der Tatsache, daß Gott ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN LEBEN, DAS ZÄHLT

Lass es zählen
Es könnte Dein letztes Erdenleben sein
Lass es zählen

Nicht alles zählt, was es anzubieten hat
Aber alles, was zählt, hat es anzubieten
Den Unterschied erfährt man in der Tat

Mit Dir Zeit lernen wir erfassen,
was zu nehmen und was zu lassen,
Schmerz zu empfinden ohne zu hassen

Es könnte der Anfang der Zukunft sein
Oder die Fortsetzung der Vergangenheit
Lass es zählen, Dein Erdendasein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NOCH EIN LÄCHELN ÜBRIG

Ein Lächeln habe ich übrig
Wem soll ich es schenken?
Laute Welt, bitte werde ruhig
Laß mich in Ruhe klar denken

Eine kleine Kerze, gut geschützt,
kann tausend Kerzen anzünden
Ein ernstes Lächeln unterstützt
schmerzvolle Sühnen von Sünden

Ein Erdenleben, ernst genommen,
kann ein ewiges Leben bedeuten
Ein Lächeln, von Innen gekommen,
schlägt die meisten Therapeuten

Laute Welt, werde jetzt ruhig,
Die Zeiten sind am Wenden.
Ein Lächeln haben wir noch übrig
Wir wollen es nicht verschwenden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

MENSCHEN VERINNERLICHEN

Ich habe so viele Menschen verinnerlicht
Ihr Dunkel, ihr Geheimnis, ihr Streben, ihr Licht
Unzählige Geschichten tragen mein Gesicht

Du kennst mehr Menschen als Du weißt
Hast Erinnerungen gespeichert in Deinem Geist
während Du von Leben zu Leben unruhig reist

Jede Begegnung, die uns innerlich trifft,
hinterlässt einen Abdruck in unsichtbarer Schrift
eingemeißelt in unsre Geschichte mit ewigem Stift.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEHNSUCHT

Dehnen - mich dehnen - mich ausdehnen

Über die Grenzen der Straßen hinaus
Über die Fesseln unserer Lächeln hinaus
Über die Schranken aller Gedanken hinaus
Über die Sätze Eurer Gesetze hinaus
Über die Fügung unserer Lügen hinaus
Über die Glut des Blutes hinaus
Über die Enge meiner Ängste hinaus
Über das Drohen ihres Hohns hinaus

Ich will mehr. Dehnsucht.
Ich will mehr sein. Dehnsucht.
Ich will mehr bewusst sein. Dehnsucht.

Nach dort, wo Du bist
Die reinere Hälfte meines reiferen Selbst
Schmerzlich vermisst
Der Schmerz weitet mich von Selbst zu Selbst
Aus. Ich lasse es zu und gehe mit,
Denn die Dehnsucht in mir hält Schritt
Mit dem Schmerz, der mich innerlich frisst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH WAHRHEIT

Ich habe heute kein Gedicht
Mein Herz sehnt sich nach Wahrheit
Nach Gott und nach geistiger Pflicht
Nach Erfüllung aber mir fehlt Klarheit
Die Welt ist laut, ist leer, ist schwer -
Keine Kultur kennt den Weg mehr
Zur Ruhe, zum Menschsein, zur Umkehr.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

GEDANKEN UNTER SICH

Gedanken treffen sich
genauso wie Menschen sich treffen
lesen sich, lieben sich und lassen sich
während unterdessen
die Menschen ahnungslos
kurz nebeneinander stehen
sehen sich nicht und dann wortlos
ihre getrennten Wege wieder gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER TAG, GEISTIG GESEHEN

Nimm ernst einen jeden neuen Tag
Er ist tiefer, merkwürdiger, wichtiger
als jeder Mensch zu ahnen vermag
und er ist vielleicht für Dich ein letzter
Morgen ohne Abend
oder ein letzter Abend
ohne Morgen. Du entscheidest, welcher.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung