Wann ist ein Gedicht
Zu Ende gedichtet
Und vollbracht?
Wann ein Gedanke
Bis zum Schluß gedacht?
Wenn er Tat
Geworden ist?
Oder wenn er
Gar nicht mehr ist?
An seiner statt
Ein anderer…
Ein weiterer?
Wann ist ein Leben
Zu Ende gelebt?
Erfüllung gebärdet Weiterleben
Versagen erzwingt Wiederholung
Ein Leben ist dann
Zu Ende gelebt
Bei Wiederholungen vom Versagen.
Ich weiß nicht
Was ich morgen schreiben werde
Doch daß ich morgen schreiben werde
Das weiß ich wohl
Ich weiß nicht
Was ich morgen empfinden werde
Doch daß ich morgen empfinden werde
Ist mein wahres Leben
Und selbst wenn ich sterben sollte
Weiß ich dennoch
Daß ich morgen schreiben werde
Weil ich morgen empfinden werde
Weil ich morgen lieben werde
Lieben ist das Leben nach dem Tod
Ich schreibe keine Gedichte
Ich lasse Empfindungen zu
Sie erzählen mir ihre Geschichten
Und meine dazu.
Sie lachte ernst
und ihre waren keine Lach-
sondern Wachfalten
denn sie beobachtete gerne
mit wachem Geist
das unausgesprochen Gedachte
mit einer Sachlichkeit
die sich aus kargen Narben entfaltete
wie ein Nachtfalter aus dem Drange
zum Leben heraus sich entfaltet
und das Fliegen bewältigt.
Aber bei ihr war es noch mehr
Mehr Schweigen als der Nachtfalter
Empfindung wie ein Lichtschalter
Obwohl noch im jungen Alter
Wachsam wie ein Geheimnisverwalter
Schatz versteckt unter ihrem Busen…
Hand ausgestreckt
Nach einer Realität
Jenseits des Ausgedachten
Das Jenseits wurde nicht ausgedacht
Ursprung versteckt
Ursprung einer Loyalität
Zum treibenden Nicht-Ausgedachten
Leere Räume haben’s mir beigebracht
Ein leerer Raum
Voller Wunderkraft und Macht
Wirklich, kein Traum
Ich hab’s mir nicht ausgedacht –
Die Zeit ist mein Wunderraum:
Bis sie täglich in sich zusammenbricht
Muß ich finden neu den Wunderbaum
Und pflücken mir ein Gedicht.
Mein Jahr der deutschen Dichtung
Gibst mir Halt, Nahrung, Richtung
In mitten des Waldes menschlichen Wirrwarrs
Öffnest Dich einmal täglich, helle Waldlichtung.
Einer muß das Verschlüßelte
Erst entschlüsseln (können) (wollen) (müssen)
Und darin liegt die Kunst.
Die Dichtung ist ein stilles Bild
Die in Richtung einer Realität zeigt
Die jenseits der Dichtung liegt.
Sich in die Dichtung zu verlieben
An der Dichtung zu hängen
Und bei der Dichtung stehen zu bleiben
Ohne in die darüber und dahinter
Lebende Realität hinein zu gehen,
Ein Teil dessen unvollkommen, unvollständig
Und meistens fehlerhaft VERDICHTET wurde
Als Dichtung ins Gedicht,
Wäre:
Der Dichtung ihren wahren Sinn und
Wahren Zweck zu berauben;
Wäre:
Ihr Dasein vergebens und umsonst zu machen
Fast wäre es besser, das Gedicht
Wurde nie geschrieben.
Die Dichtung fungiert und funktioniert
In ihrer höchsten Form
Am besten als Botschafter, als Zeigefinger
Um das Vorhandensein dessen zu bezeugen
Und darauf hinzuweisen:
Ein Ort und eine Zeit
Und eine Beschaffenheit und ein Sein
Wo das, was schwach in dem Gedicht
Zu ahnen ist,
Keine Dichtung ist
Sondern normale und echte
Realität.
Die Wirklichkeit.