ICH LIEBE ALLES

Ich liebe das Getrennt-sein
wenn ich nicht immer getrennt sein muss
von Dir

Ich liebe das Zusammen-sein
wenn ich nicht immer zusammen sein muss
mit Dir

Ich liebe das Alleinsein
wenn ich nicht immer allein sein muss

Ich liebe das beisammen Daheim sein
wenn ich es nicht immer sein muss

Ich liebe alles - nur in Maßen.

Aber das Verliebtsein
Das liebe ich immer
Das will ich immer sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUS MANGEL AN TATMUT

Während sie lächelten
Während ihre Gefühle köchelten
Während sie Möglichkeiten einfädelten

Während sie tändelten
Während sie an Tatmut mangelten
Während sie nicht handelten

Kamen andere Menschen in ihr Leben -
Doch schau, wie sie aneinander noch kleben
unfähig, sich gegenseitig je zu vergeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN JAHR MIT FESTEM ZIEL

Ein Jahr mit festem Ziel
wünsche ich allen:
Erwachsene Arbeit, kindliches Spiel -
Ins Alte kein Zurückfallen,
und Wahrhaftigkeit viel.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES BLEIBT GLEICH

Ich konnte nicht länger warten,
Ich musste gehen.
Bald kannst Du was Neues starten,
Dein Schicksal drehen.

Ich bin das alte Jahr, Aufwiedersehen
sagt man mir vergeblich;
Ich komme nicht wieder, verstehen
wirst Du mich nachträglich.

Der letzte Tag des Jahres, nachdenklich
nimmt er seinen Abschied -
Die Menschen, unglücklich und glücklich,
stimmen ein ins Abschiedslied.

Was vorbei ist, ist vorbei, vorübergehend,
Liebesgeschichten, Freundschaften,
Pläne. Sie werden wiederauferstehend
weitermachen, des neuen Jahres Leidenschaften.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE LETZTEN TAGE DES JAHRES

Fünf Tage sind viel
Denk nicht, daß es schon vorbei ist
Zeit ist nur ein Bei-spiel
Abgelaufen ist noch nicht die Frist

Dein Jahr könnte noch urplötzlich
eine neue Wendung erhalten.
Letzte Momente tun bekanntlich
Überraschungen enthalten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JAHRE WIE JAHRZEHNTE

Die Jahre ziehen vorbei
als wären sie Jahrzehnte
Zwischen jeden zwei
liegt eine ausgedehnte
Zeit großer Umwälzungen,
einschneidender Erlebnisse,
sprunghafter Veränderungen,
paradigmenwechselnder Erkenntnisse.

Von Jahr zu Jahr zu Jahr
ist der, der ich letztes Jahr war,
ferne Geschichte, einmal es war.
Bald wird wieder ein neuer Januar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUNENHAFTIGKEIT

So, wie er die untergehende Sonne beobachtet,…
die sich zurückziehenden Gezeiten betrachtet,…
so, wie er die Vögel nach Süden fliegen sieht,…
alles wahrnimmt, was um ihn herum geschieht,
so schaut er manchmal machtlos zu,
wie seine Laune sich verschlechtert im Nu,
und vertreibt die Freude und verdirbt die Ruh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESCHEHEN-GEBUNDEN

Der Zug rollt ab, wie ein Geschehen,
aus dem Du nicht mehr aussteigen kannst.
Durchs Fenster wirst Du vieles sehen,
an dem Du Dich nicht beteiligen kannst.
Du kannst weder stoppen noch umdrehen;
die Fahrt erleben ist alles, was Du kannst.
Es bringt nichts, zu bitten oder zu flehen,
Du bist Geschehen-gebunden. Du kannst
im Zug sitzen bleiben oder aufstehen,
rumlaufen, mit anderen reden. Du kannst
Freunde finden, die den selben Weg gehen
wie Du, mit denen Du Wärme teilen kannst.
Enge Verbündete wie in Familien, oder Ehen,
oder im Krieg, oder im Knast. Werte kannst
Du schöpfen, Bunde formen, die nicht vergehen
werden, wenn Du endlich umsteigen kannst
an der nächsten Station in Deines Lebens Geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDE GEWESEN

Ich höre ihn nicht
obwohl er spricht
Ich höre nur den Wind

Ich sehe sie nicht
sehe nur ihr Gesicht
Und ich bin nicht blind

Wir lachen zusammen
bis tief in den Abend
weil wir Freunde gewesen sind

Doch keiner sieht die anderen
und keiner hört die anderen
mehr. Nur Gesichter und Wind

Verschlafen in jedem ist das innere Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BETREUEN UND BEFREIEN

Papa, über was schreibst Du heute ein Gedicht?
Ich weiß nicht. Über was soll ich heute schreiben?
Über mich. Über Dich? OK. Nein! Spaß! Bitte nicht!
Zu spät. Der Gedanke ist gekommen und muss nun bleiben.

Und muss nun wachsen, betreut von meiner Liebe,
und mich verändern, während ich ihn auch verändere;
dann, vollendet, mich zu verlassen, um im Weltgetriebe
eigenständig zu wirken für eine neue Welt, eine bessere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung