IM FREMDEN

Als ich die Treppe hinunter stieg
in den Keller, in mich, in den Krieg,
brauchte ich eine andere Stimme,
eine Sprache, die das Schlimme
in der Welt anders sah und beschrieb
als ich es bisher sprachlich betrieb -
So sprach sich aus mir eine dritte Lunge
in einer neuen, fremden, deutschen, Zunge,
denn wenn Du Dich besser sehen willst
musst Du Dich durch fremde Augen reflektieren,
und wenn Du Dich selbst tiefer verstehen willst
musst Du Dich in einer fremden Sprache artikulieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

500 JAHRE SPÄTER VIELLEICHT

Frage mich 500 Jahre später
wenn ich das 3. Mal wiederkehre
Frage erneut, 500 Jahre später,
über die Bewahrung meiner Ehre
in den Blicken der Einheimischen
gerichtet an die Ausländischen.

Heute wäre es zu früh
Morgen auch und übermorgen
Jeder Blick ist Dejavü
Täglich mache ich mir Sorgen
Aber vielleicht in 500 Jahren
werden wir Achtung erfahren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER DRANG NACH ENTWICKELUNG

Irgendetwas will,
es will raus -
In mir tobt April
wie ein Kind Zuhaus.

Lass mich hinaus
als Kind in die Welt -
ich komm zurück nach Haus
fertig und entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WEITER REISEN

Wofür war die ganze Zeit?
Umsonst?
Ich gab Euch meine ganze Zeit
Meine beste Zeit
Umsonst.

Wieviel Zeit habe ich noch übrig?
Die Haare werden silbrig
Die Stimme einsilbig

Da! Dort! In der Ferne!
Meine Träume! Meine Sterne!
Euch erreiche ich immer noch gerne.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER LANGSAME WEG

Der langsame Weg
Der prägt am tiefsten
Seine Berührungen sind schräg
Seine Blicke am Schiefsten

Er zieht Dich runter
Zum untersten Punkt tief in Dir
Und schlägt Dich munter
Und scheuert Dich bunter
Und führt Dich nach Hause zu Dir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZUM GLÜCKE

Langsam geht das Alte zur Neige.
Was wird das Neue bringen?
Findest Du nie heraus, bist Du feige.
Das Leben will Dich zum Glücke zwingen,
Dein Glück musst Du selbst erringen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLEINE GEHEN

Es wird immer den einen Freund geben,
einst engster Teil Deines Lebens -
eines Tages wird er von Dir weg streben.
Du wirst ihn zurückrufen vergebens.
Denn manchen Weg muss man alleine gehen;
Lass ihn gehen, Du musst zu Dir stehen -
Auf Wiedersehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GRUSS MIR DEN HIMMEL

Gruß mir den Himmel
Es ist lange her
Und lang wird es noch dauern
Bis zu meiner Rückkehr

Siehst Du den Wald da
unten im Tal?
Jeder Baum ist ein Erdenleben
das ich lebte mal

Einen nach dem anderen
muss ich sie alle ernten
Die Menschen, die das Böse
in mir einst kennenlernten

Gruß mir den Himmel
Ursprung meiner Sehnflucht;
Gruß mir den Himmel
Heimat meiner Sehnsucht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LIEBE VERÄNDERT

Veränderung
bleibt unverändert
in ihrer Rolle als Veränderung
ohne je verändert zu werden.

Liebe bleibt
aber tut auf einmal weh
bis sie ausgelebt wird…
dann tut sich nicht mehr weh
- aber sie bleibt.

Sie bleibt
als Erinnerung
als tote Stille, dort
wo einst Schmetterlinge
herum flogen in Deinem Bauch
bevor mit der Zeit alles anders wurde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BAUSTELLEN

Baustellen führen manchmal schneller
zum Ziel als freie Wege, äußerlich heller,
innerlich ohne Verbindung zu Deinem Schicksal -
Der hohe Berg beginnt unten im Tal.

Die schmerzvollen Vorkommnisse
in meinem Leben, die Erlebnisse,
Das waren keine Hemmnisse,
sondern Stufen neuer Erkenntnisse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung