NICHT DER ERSTE DEZEMBER

Ich frage mich,
wie die Natur das immer macht,
wie die Zeit das jedes Jahr schafft,
ohne Unterlass:
schneller als ich mich verändern kann,
früher als wahrgenommen und erwartet,
der Dezember ist wieder da.

Das waren keine Monate,
die ihm vorausgegangen sind…
waren keine Jahreszeiten.
Das war mein Leben,
das gelebte und das nicht gelebte,
das tief und das oberflächlich erlebte,
und es kommt nie wieder zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERLORENE KINDLICHKEIT

Am Tor ins Weihnachtsland
blieb ich stehen und wurde blind,
denn hinter der Schwelle sah ich nichts von all den Dingen, die dahinter sind.
Und ich schüttelte leicht den Kopf,
erstaunt, daß ich davon nichts mehr empfind;
denn vor langer Zeit wohnte auch ich
in jenem Land als Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUSTART

Manchmal möchte ich
von Vorne alles wieder anfangen
wie die Natur es jedes Jahr macht

Ihre Blätter fallen lassen,
sich in tiefen Schlaf versetzen
aus der sie neugeboren erwacht

Alles beenden,
mich in die Tiefe zurück ziehen,
aus der mein Lachen neu entfacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WECHSELSPIEL

Als ich jung war,
war ich älter als meine Generation
Jetzt wo ich älter bin,
bin ich jünger als meine Generation

Es fühlte sich richtig an
Und es fühlt sich richtig an

Als ich im Paradies lag,
sehnte ich mich nach der Erde Staub
Jetzt wo ich auf dem Boden der Tatsachen stehe,
sehne ich mich nach dem Paradies.

Das ist unser Geheimnis: Deine Tränen ziehen
mich an und jagen mich wieder fort.
Dein Lächeln läßt mich kommen und gehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIGRANTENGENERATIONEN

Erste-Generation-Eltern
gebären Erste-Generation-Kinder
Und diese wiederum Erste-Generation-Kinder

Es dauert lang,
bis die zweite Generation
auf eine erste folgt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

180GRAD

Ich schaue sie an
frage mich
wie das möglich ist:
Die Wandlung von einer wilden Nachtfee
in eine vierfache Alleinerziehende
die lächelt, gähnt und sagt:
Sex ist überbewertet.

Che Chidi Chukwumerijee
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REIFE UND VERÄNDERUNG

Ich frage mich, ob
sie noch zusammen sind

Die Fotos sind von vor zehn Jahren
von vor fünfzehn Jahren
Facebook hat sie alle aufbewahrt
sie waren jung und glücklich
verliebt
ihre strahlenden Augen sangen von Ewigkeit

Mit Veränderung sich verändern
Reifer werden

Ich frage mich, ob sie noch
zusammen sind –
Das ist das aller schwierigste:
zusammen bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURSWECHSEL

Wir laufen wie ein Strom,
biegen um Berge herum –
Jeder Berg war eine Regierung
mit einer eigenen Neigung –
Ne, jeder Berg war eine Neigung
und wir nannten sie bloss eine Regierung –
Denn sie änderten ständig
den Lauf unserer Gedanken und
den Laut unserer Gedichte –
Jede korrigierte ein bisschen unseren Kurs,
geboren aus unserem innigsten Diskurs –
geborgen in unserem Herzen.
Höhen, Tiefen, Fallen, Steigen –
Und so nahm unsere Geschichte
eine Wendung nach der anderen,
ihrer fernen fernen Ziele entgegenfließend
wie ein Strom, geborgen in unseren Herzen,
namens Sehnsucht
namens Entwicklung
namens Menschentum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINBRUCH

Herbst bricht ein
wie ein Dieb in der Nacht –
Stiehlt uns unsere Jugend.
denn er will uns zeigen, wie bunt
das Reifsein auch sein kann
bei aller Nacktheit.

Reif sein ist schön –
Schön der Schmerz
Schön die Reue
Schön die Stärke
Schön die Zerbrechlichkeit
Schön die Ruhe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WANDLUNG

Welk hängen die letzten Gedanken der Bäume
wie vergilbten Blätter voller alten Gedichte
gesungen in Liebe einst
an reif gewordene Triebe.

Manche Bäume sind bereits gelb
Ich habe den Wandel nicht gemerkt
Manche Träume freuen sich auf den Herbst
Manche sind am Sommer hängen geblieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung