Wir werden älter ohne älter zu werden als wäre unser Körper süchtiger auf Sterben als wir selbst. Plötzlich ist mein Körper nicht mehr meiner sondern ein kalter Fremder. Sein Weg ist seiner - und er verwelkt. Laß uns deshalb schnell die Zeit nutzen - uns finden, kennenlernen, lieben, unterstützen bevor er wegfällt. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Veränderung
ZEITEN UMSTELLUNG
Eine Stunde geht auf Reise Wieder die verlorene Stunde Ein Gast ohne Heimat dreht wieder suchend seine Runde Unentschlossen über Haben oder Sein Ungeschlossen wie der Menschheit Wunde. Die Zeiten verändern sich Die Gewissheit ist in aller Munde. Die Ungewissheit schneidet Kehlen, spaltet Zungen, sprengt Bunde. Während die Stunde immer näher kommt, jede Minute, jede Sekunde. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ODE AN DIE REIFE
Ein junger Baum
an den Fransen des Ganzen kokett gepflanzt
nimmer kann einen alten
mit Narben und Falten geschmückten ersetzen –
Jahre des Wachsens braucht er,
bis er so viel CO2 binden kann.
Erst muß er alt werden.
Eine junge Frau niemals
kann eine reife ersetzen –
Die Funzel tief im Fond ist, näher betrachtet,
ein zur Flamme gewordener Funke,
sorgfältig beschützt mit Taft und Takt –
ein geschütztes Dotter ungeschlagen –
Jahre der Sehnsucht, des Leidens, des Wissens.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ERDERHITZUNG
Lang lebte die Erde
Lange bevor Gottes Odem Adam durchbohrte
blakte sie zerfurcht im eigenen Brodem
Jung war sie nie
Von Anfang an kaustisch und launisch
Und lange lange dauerte es,
bis ihre harte Büste weich wurde
prall geschwollen mit herziger Muttermilch
für werdendes Leben, von werdendem
Leben verlangend anheim gefallen
Lange, schwindelerregend lange lief es gut
bis EvAdam kurzum aufstieg und …
ritt sie so hart wie Fiaker im Abendverkehr,
da stoben Frieden und Vielfalt davon –
So kamen wir im Heute an, verschwitzt.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MICH BEHAUPTEN
Als ich nach Deutschland kam,
starb ich –
Wie eine umgepflanzte Blume,
verdarb ich –
Um Verbindung als Gleichart vergeblich
warb ich –
Als Gespenst mitten in der Menge
stand ich –
Unsichtbar als Ich, und als Mensch
verschwand ich –
Trost bei weder Weiß noch Schwarz
fand ich –
Bis keine Farben mehr, keine Labels
sah ich –
Erst dann wie ein Ereignis mir selbst
geschah ich –
Nach dem langen Weg, wo ich verlor
beinah Ich
War ich es doch, der mich erfüllen musste –
Ja, ich.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SEHNSUCHT VERWALTEN
Sehnsucht verwalten unsichtbar
Lachen behalten im Herz unvernichtbar
Vom endgültigen Verzagen unantastbar
Und niemals altern
Verlust ertragen und wieder aufleben
Liebe ver-geben und erneut vergeben
Nach Unerklärlichem lebenslange streben
Und niemals altern
Jede Lebensphase genießen tief
Krabbelnd, träumend, aufrecht und schief –
Binden locker und binden intensiv
Und egal wie das Leben windend verlief…
Niemals altern.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GENERATIONENTREFF
Jung und alt
machten im Lachen Aufenthalt.
Und so schön war das Lachen und tief,
daß es aus jedem den anderen hervorrief:
die Jungen aus dem Bauch wie reife Geister,
die Alten aufgelöst kindlich und heiter
brachten sie lachend das Leben zum Zusammenhalt.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HALLO WIEDER
Ich war lange tot
Doch keiner merkte es
Denn ich liebte und lachte
Und dichtete, was ich dachte
Ich war kein Schauspieler
Ich war kein Lügner, ne
Ich war ein Schlafwandler
Ein Traumleugner
Ich war tot und wollte nicht sterben
Also lebte ich weiter
Als Schatten meines Lebens –
Den Schatten kann nur der Lichtere werfen
So leicht ist es, als Geist unbemerkt
zu wandeln unter Freunden und Fremden –
So leicht ist es, als Leiche liebend
mit lebenden Lustwandlern zu liegen
So leicht ist es, zurück zu lehren ins Leben
Und keiner merkt, daß Du jahrelang
weg warst. Lange Zeit nicht gesehen,
willst Du sagen. Doch Du sagst stattdessen:
Hallo. Hallo wieder.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KINDERSTIMMEN
Kinderstimmen
Ein paar Stunden abends
bevor sie ins Bett verschwinden
Kinderstimmen
Ein paar Jahre eilends
bevor sie aus dem Haus ausziehen
und als Erwachsene zu sich finden
Kinderstimmen
stehend bleiben nirgends –
Dein Herz ist ein Schlafzimmer
Es war einmal ein Kinderspielzimmer –
Kannst Du des Kindes Stimme noch empfinden?
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LAUTER UND IMMER LAUTER
Mein Neujahr fängt nicht mit Feuerwerk an,
sondern mit Schweigen und innerem Glockenklang –
lauter in meinem Ohr als jeder Gesang –
nicht mit Feiern und Lachen und Reden,
sondern mit Nachdenken und Sinnen –
das, womit ernste Dinge immer beginnen.
Denn die Welt wird lauter und immer lauter,
und Jahr für Jahr frage ich mich subtil,
was sie wohl übertönen will.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
