STADTTEILE

Wie Geheimnisse aufsteigend
aus dem Mutterleib des Ozeans
tauchen plötzlich
aus der Tiefe der Stadt
neue Menschen auf ihrer Oberfläche auf.

Auf einmal wohne ich
in einer völlig neuen Welt
und mußte dafür nicht einmal
die Stadtgrenze überqueren –
Die ganze Welt wohnt halt in einer Weltstadt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABER WIE BIST DU INNERLICH?

Ein Künstler schuf
aus der Tiefe seines Geistes
ein besonderes schönes Kunstwerk,
das ihm Ruhm und Reichtum brachte –

Doch kaum fand er Erfolg,
setzte er sich daran, ihn zu verteidigen,
und wurde in seiner Verbissenheit
zunehmend häßlicher…

Und je schöner sein Werk wurde
in den Augen der Menschheit,
desto häßlicher wurde seine Seele,
vor allen Augen verborgen.

Von allem trennen wir uns –
unseren Geliebten, unseren Werken,
unserem irdischen Eigentum…
doch unsere Seele behalten wir bis zum Schluss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU SPÄTER ALS KIND WIEDER

Du später als Kind wieder
in einem zukünftigen, neuen, Leben…
Welche Erde würdest Du vorfinden,
von Dir selbst vorbereitet
von Dir selbst zugerichtet?

Du später als Kind wieder…
in welcher Welt würdest Du aufwachsen?
Schrott im Weltall
Müll im Weltmeer
Luft zum Schmutz verdichtet.

Du später als Kind wieder…
Empfänger der Wechselwirkung von Entscheidungen,
die Du heute als Erwachsener triffst –
In welcher Welt würdest Du leben wollen?
Zu der bist Du heute verpflichtet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM NACHHINEIN

Wir wählen selbst unser Gefängnis
Schließen die Tür
Werfen den Schlüssel weg –
Und fangen an,
unsere Gefangenschaft zu beklagen.

Wir treffen selbst unsere Entscheidung
Gegen allen Rat
Und wenn es unumkehrbar wird,
fangen wir an
unsere Entscheidung zu hinterfragen.

Wir beschließen als Kinder Sachen,
die wir als Erwachsenen halten sollen,
wenn wir keine Kinder mehr sind
und die Dinge jetzt anders sehen –
müssen aber die Konsequenzen nun ertragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SUBTILE GESCHEHEN

SUBTILE GESCHEHEN

Die größten Dinge geschehen
Unbemerkt –
Das ist ihre Art.

Die lenkende Hand eines Weisen
ist oft unscheinbar
und immer zart.

Lang bevor ein fallender Baum
oder Mensch
den Boden trifft, hart…

Bat er um Hilfe
Oder ignorierte Hilfe
Am Anfang der Reise, am Start.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERÄNDERUNGEN

Heute schaute ich zurück
Wie ein Baum auf einem Hügel

Hinter mir waren mehrere Gipfel
Auf jedem Stand ein Baum

Schwer fiel es mir, zu begreifen,
daß ich mal alle diese Bäume war

Schwer fiel es mir zu begreifen,
wie Menschen sich so völlig ändern

Und dennoch kam in jedem Augenblick
Mein ehrlich wahres Selbst zum Ausdruck.

Che Chidi Chukwumerije</em>
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU-ETT

Wärest Du ein Lied,
wer hätte Dich gesungen?
Wer hätte Dich komponiert?
Wer hätte Dir Deine Melodie abgerungen,
die im Kind als Freude gejubelt,
in der Jugend von Sehnsucht bezwungen,
im Erwachsenen im Kampf gewütet,
im Greisen als Nachdenken ausgeklungen?

Duett.
Du und das Gesetz
der Wechselwirkung.
Euch ist zusammen Dein Lied gelungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WERTVOLL

Er kam früh
Blieb lang
Jetzt ist er alt

Ich schaue ihn an,
wie er dahinschwindet,
einsam in einem Fremdland

Keiner besucht ihn
Und ich frage mich:
War es es Wert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE ERMORDUNG VERGESSEN

Das Ding mit Sterben ist,
daß Du es vergisst –
Irgendwann als Erwachsener
blickst Du suchend zurück
vergeblich nach dem trennenden Moment
zwischen Dir und Deinem Glück.

Dieses Rätsel wird Dich begleiten
den Rest Deines Lebens:
Wie könnte ich so leise sterben
ohne Anzeichen eines Erdbebens?
Wer oder was hat mich wann getötet?
Du suchst die Antwort … vergebens.

Das Kind starb mit seinen Erinnerungen
Der Jugendliche starb mit seinen Idealen
Der Erwachsene bleibt mit seinen Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN LEBEN

Die Jahre fallen
Wie Glockenschläge
Wie Fußtritte
Wie wiederholte Heiratsanträge
Wie tausend Mini-Entscheidungen
Auf all unsern Wegen
Getroffen mit der Hoffnung
Auf viel Glück und viel Segen.

Blatt für Blatt
In Sonne, im Regen
Die Blätter fallen
Auf all unseren Wegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung