HOCHZEITSTAG

Die Tage kommen und gehen
Die Hochzeitstage
Liebe basiert zum Teil auf Wiedersehen
Immer wieder im selben Geschehen
Wie Geburts-, Todes- und Hochzeitstage.

Die Tage kommen und gehen
Die Tage unseres Lebens…
Sie verschwinden im Handumdrehen
In Bekanntschaften, Freundschaften, Ehen –
Du hältst Dich an ihnen fest, vergebens.

Die Tage kommen und gehen
Und wir gehen weiter,
Weiterwachsend, bleiben nie stehen,
Hochzeitstage auf Immer Wiedersehen
Wie unsere kleine Himmelsleiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEWAHRE DEINE KINDLICHKEIT

Kann es sein, daß
Kinder aus der Zukunft kommen,
in die Gegenwart geboren werden und
in der Vergangenheit sterben?

Wir wissen als Kinder mehr
als wir verstehen,
ringen als Erwachsene mit der Diskrepanz
zwischen Wissen und Verstehen –
Und sterben als Greise, die
weniger wissen als sie
vorgeben, oder glauben, zu verstehen.

Für manche fängt das Leben mit vierzig an
Für manch andere ist es mit vierzig
schon längst getan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ENTFALTEN

Die Gespräche fingen an
sich innerlich zu wiederholen
Dennoch veränderten sie sich
in ihren äußeren Inhalten

Sie selbst wurden älter
wurden zu Symbolen
Vergaßen ihre neuen Worte
Erinnerten sich nur an die alten

Sehr leicht auszudrücken
in den einfachsten Parolen:
Ich liebte mal Deine glatte Haut,
jetzt lieb ich Deine Falten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JÜNGLICH ALTERN

Mein Leben rast mit Geisteseile
durch meine Jahre hindurch
und macht mich älter schneller
als ich es überhaupt fassen kann

Und atemlos, pausenlos, gedankenlos
renne ich ihm hinterher
und versuch, mich länger jünger zu halten
als ich die Jahren überhaupt noch zählen mag.

Doch einer zählt nicht mit
Amüsiert sitzt er auf meinem Rasen
und genießt die wilde Fahrt durchs Leben
und bleibt still und ruhig, mein Geist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHE SEITEN

Du denkst, Du fährst durch die Nacht
Doch am Ende der Reise
steigst Du aus dem Zug und begreifst
Es ist die Nacht
die durch Dich hindurch gefahren ist.

Weil die Orte die Plätze getauscht haben
und Du bist noch, wo Du warst
Weil Abend und Morgen die Seiten
gewechselt haben
Über Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEH-SCHICHTEN

Hast auch Du in Deinem Herzen
so viele Geschichten und Erinnerungen,
von denen Du nicht weißt,
wie Du sie richtig erzählen sollst?

Einige Kapitel Deines Lebens
waren Fortsetzung und Abschluss einer Geschichte,
die in einer verschwundenen Zeit stattfand
manchmal lange bevor Du geboren wurdest.

Einige Kapitel Deines Lebens
waren Präambel und Vorboten einer Geschichte,
die in einer zukünftigen Zeit abspielen wird
manchmal lange noch dem Du gestorben bist.

Wie willst Du diese Geschichten erzählen?
Alles, was Du tun kannst, ist im Heute leben,
der Realität angepasst, und im Heute
für eine bessere Welt mitkämpfen.

Nicht alles kannst Du sagen –
aber sagen kannst Du alles,
was gesagt werden muss…
und was einst weitererzählt werden wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UMGESTALTUNG EINES ZIMMERS

Zimmer umgeräumt
Altes weggeräumt
und weggeschmissen

Gedanken freigeräumt
Neue Träume geträumt
aus befreitem Gewissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEI SAALBURG

Wer hat hier gelebt geliebt
In Frieden im Krieg
Brunnen und Mauer gebaut
In die Augen seiner Geliebten geschaut
Gebeten, gelacht
Über die Zukunft nachgedacht
Gehofft, Freude und Angst gespürt
Das Herz seiner Mitmenschen gerührt
Und für diesen Ort sein Leben
Ohne Zögern gerne gegeben
Hier gealtert, an Gott geglaubt
und sein Körper hier zurückgelassen
als er mit Fragen in seinem Herzen starb?
Denn auch er mußte eines Tages fort?

Wo ist er heute?
Weiß er, daß ich über die Reste
seines geliebten Heimatdorfs
nachdenklich spaziere
und mich frage, was aus seinem Geist
geworden ist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN ZUKÜNFTIGES SELBST RUFT DICH

Neue Wege
und dennoch
gehe ich immer noch
und nur zu Dir.

Du warst schon immer in mir
meine erste Sehnsucht
meine erste Frage
und meine erste Sprache

Du warst alles,
was ich sah, als ich
das erste Mal
die Welt sah:

Die Gewissheit, daß
der Mensch blühen soll
war mir sofort und immer
eine Selbstverständlichkeit

Ich blickte in die Zukunft
und sah mich, aufgeblüht,
mir zu lächelnd,
mich zu mir rufend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIEDER VERÄNDERUNG

Veränderung
Hängt in der Luft
Unverändert

Jedes Mal sieht sie gleich aus
Und doch heißt sie Veränderung
Weil sie genau das ist

Unverändert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung