HAST DU DEN VERSTAND VERLOREN?

Wenn ich glaube,
meinen Verstand zu verlieren –
wer glaubt und wer verliert?

Wenn ich das Schwinden meines Verstandes
wahrnehme, darf ich dann annehmen,
daß das Wahrnehmende der neue Verstand ist,
der den alten bei seinem Scheiden beobachtet,
ihn aber einfach nicht versteht
weil beide so unterschiedlich sind?

Wenn uns das Andersartige ver-rückt vorkommt
was tun wir dann, wenn wir es selber sind
die neu und anders geworden sind?
Ist es wirklich so schlimm
den Verstand zu verlieren? Vielleicht
wächst Dir ein neuer Kopf
mit einem neuen Verstand
wenn Du es zulässt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EINGESPERRT

Unterdessen werden älter die Kinder
und Eltern zu Kindern
und die Eltern sind den Kindern die Lehrer
und die Kinder sind den Eltern auch Lehrer
und alle werden täglich
um Jahre und Jahrzehnte
über Nacht älter. Tag für Tag.

Und es wurde morgen
und es wurde Abend –
noch ein weiterer Tag.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN TAG EIN NEUER FREMDER

In einem Tag sind viele Tage
vielleicht sogar tausend Jahre
Täglich wächst Du auf in der Ruine
Deiner gestrigen Gedankenschlösser
Die sind tausend Jahre alt und mehr
doch merkst Du das nicht, denn auch Du
bist im Schlaf um tausend Jahre gealtert
Das alte kommt Dir bekannter vor als
das Neue, in dem Du heute lebst
doch welch ein Unterschied!
Wer den Menschen im Spiegel sucht
findet morgendlich einen neuen.

Echt merkwürdig, wie sich
die Menschen täglich treffen und
täglich es nicht merken, daß sie
täglich Fremde treffen im Vertrauten Gewand
Ein Gesicht wiederholt sich mehrmals
wie eine Maske, die herumgereicht wird…
Eheleute, Freunde, Eltern und Kinder
sogar Feinde sterben häufiger jeden Tag
als das Bewusstsein es sich merken mag
oder muß, gehen täglich fremd,
machen täglich fremde Menschen
wiederholt zu Freunden und zu Feinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER APRILBERG

Der Schnee ist den Gipfeln gewichen
Er ist geschmolzen
und mit einem leisen Seufzer
nach Hause gegangen.

Hier und da wie auf einer Leinwand
behält der überraschte Berg
eine zarte Erinnerung an seinen Gast
langsam verblassend

Und der blaue Himmel hoch da oben
der schiebt die Wolken auseinander
blickt mit Verlangen auf den Berg
und vermisst den Schnee.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
EAAC69EA-0CCB-4DD6-B9A4-5413B7BC6014

DER GESCHMACK DES ENDES

Wie oft schon liefertest Du
den zweiten Schlag
und bereutest es bereits
am nächsten Tag?

Wie oft schon ertrugst Du
den letzten kuss
und littest, denn es schmeckte so
sachlich wie ein Muß?

Irgendwas hat sich geändert
Die Welt wird nimmermehr dasselbe sein
Das alte ist vergangen

Kein’ zweiten Schlag, kein’ letzten Kuss
Zieh einfach weiter mit neuem Geist
und reinem Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DICHTUNG DER NACHT

In letzter Zeit
schweigt der Morgen
der Abend redet mit mir

In letzter Zeit
schweigt meine Jugend
und meine Kindheit

Das langsam nahende Alter redet
zu dem Mann in mir
doch ich verstehe nicht

Nur das verlorene Kind
das schweigsam gewordene
hätte es verstanden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN ABEND EIN NEUER MORGEN

Der Tag neigt sich zum Ende
Ich bin geneigt, zu denken
er sei einer wie alle anderen vor ihm
seit wir uns alle gegenseitig von einander
distanzieren. Doch irgendetwas
war anders heute, irgendwas Kleines,
ich weiß nicht genau was. Aber ich
habe mich ein bißchen verändert.
Die Erde drehte mich um, und
machte neue Dinge mit mir.
Nur, komisch: So geht es mir
jeden Tag am Ende des Tages
in dieser endlosen Reihe
gleichförmiger Tage.
Ich ziehe abendlich eine neue Seele aus.
Also sind sie doch gleich? Denn
täglich geschieht genau das gleiche:
Ich entdecke mich ein bißchen mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UMGEKEHRT

Eines Tages
sagst Dir selbst
egal sei was
einmal es war
Heute fängt
mein Leben an

Das Klavier alt
Die Reigen neu
Ich möchte diesmal
von meiner Gitarre
gespielt von meinem
Sax geblasen werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE REISE IST EINE INNERE

Mitten auf der Reise
fühlten sie sich wie zwei Fremden
unerklärlicherweise gefangen
auf einem Boot weit weit draußen
auf einem ihnen unbekannten Meer –
auf einander angewiesen
dazu verdammt, dem anderen
dabei zu helfen, in die jeweils entgegengesetzte Richtung zu paddeln.
Gut, daß die Welt rund ist. So rund
wie ein offenes und lächelndes Gesicht –
egal in welcher Richtung sie lächelnd segeln
schaffen sie die Kurve und
jeder kommt bei sich zu Hause an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ES NIMMT UNAUFFÄLLIG ABSCHIED

Lange nach dem Du Deinen Lieblingsmensch
das letzte Mal sahst
realisierst Du erst
daß das das letzte Mal war
so unauffällig wie es war

Lange nach dem Du an Deinem
Lieblingsort
das letzte Mal warst
realisierst Du plötzlich
daß das das letzte Mal war
so unscheinbar der Abschied war

Lange nach dem Du eine
schöne stinknormale
Zeit oder Lebensphase hattest
dämmert es Dir langsam
daß das die beste Zeit Deines Lebens war
und Du warst so unaufmerksam.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung