GEWISSEN OHNE HAFT

Das Politische ist der Brückenkopf,
löst aber selbst das Problem nicht -
Liefert nur das, womit die Volksseele
ihn erfüllt, ist also nur sein Angesicht.

Ist es hässlich, ist es wahr.
Ist es menschlich, ist es wahr.
Ist es zwiegespalten, ist es wahr.

Die Politik hat die Macht.
Die Gesellschaft hat die Triebkraft -
und sie ist aufgewacht,
hin und hergerissen, Gewissen ohne Haft.

Ist es hässlich, ist es wahr.
Ist es menschlich, ist es wahr.
Ist es zwiegespalten, ist es wahr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLEICH UND GLEICH BEKÄMPFT SICH GERN

Gleich und gleich bekämpft sich gern,
ist Dir schon mal aufgefallen?
Denn liegt der Treffpunkt Dir viel zu fern,
wie sollte es dann widerhallen?
Der fester Fels neben Dir ist Dein Stern,
keine Steine, die im Weltall knallen.
Druck und Gegendruck, extern und intern,
halten sich, wenn sie aufeinander prallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM KERNE

Gleich und gleich gesellet sich gerne,
Kommet mir vor,
Gehet tiefer als fleischlich nahe und ferne.
Steige höher empor
und blicke hinein: Es lieget in dem Kerne.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOMMUNIKATIONSEBENEN

Deine Augen
Schwarze Augite
Lesen zu viel Kontext
Machen zu tief Kontakt
Sorgen für Kontrast
Zwischen Reden und Schauen und Anfassen
Drei Botschaften auf drei Ebenen
Auf welcher sollen wir uns treffen?

Stell Dir vor:
Wir verbringen ein ganzes Leben
Auf der falschen Kommunikationsebene,
Sagen alles, was auf dieser Ebene
Zu sagen ist…
Und dennoch verstehen wir uns nie.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE WÄLDER

Am Schönsten ist nicht immer am Tiefsten.
Vorsicht: Wen nennst Du da Deinen liebsten?
Ein schönes Gefängnis ist ein Gefängnis;
Freiheit ist die schönere Schönheit,
Alleinsein ist besser als Einsamkeit,
Ein goldener Käfig ist ein Käfig.

Wenn der Wald in mir anfängt zu reden,
Versteht der Wald in Dir? Oder ist Dein Eden
Hort eines anderen Baums der Erkenntnis?
Eine andere Eva, eine andere Schlange,
Ein anderer Adam. Eine andere Wange
Spürt Deine Tränen, mit mehr Verständnis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE MENGE MACHT‘S

Die Bäume sind der Wald,
Nicht jeder für sich allein,
Sondern alle im Zusammenhalt,
Groß und klein.

Die Menschen sind die Menschheit,
Nicht jeder für sich allein -
Sondern wir alle als Gesamtheit.
Einer allein ist noch kein Verein.

Die Gefühle sind die Gesellschaft -
Die um Hilfe flehende Misskommunikation,
Die Sehnsucht nach Freundschaft,
Das Gesetz der Reciprocation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSERE GEDANKEN

Meine Gedanken
Deine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
vereinigen innig sich
werden unzertrennlich
während Du und ich in unseren Leben
einander nicht kennen oder wahrnehmen.

Deine Gedanken
Meine Gedanken
treffen sich im Garten der Gedanken
treiben aneinander vorbei
spüren keinerlei Gleichart dabei
während Du und ich in unserem Leben
zusammen lebend aneinander kleben.

Ach!, die Welten die unsere Welten tief trennen!
Ach!, die Welten die unsere Welten zusammenklemmen!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NIE SIND MEINE GEDANKEN GEERDETER

Nie sind meine Gedanken geerdeter
Als wenn ich fliege. Nie beflügelter
Als wenn ich am Boden stehe.
Freiheit und Gebundenheit sind Verbündete
In des Lebens urältester Ehe:
Die zwischen der Ferne und der Nähe.
Der Stille ist der am meisten Getriebene.

Was bringt ein neues Jahr
Was nicht vorher bereits da war
Als selbsterzeugtes Samenkorn
Von mir ausgeworfen nach Vorn?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HALTE MICH EIN ZWEITES MAL

Halte mich ein zweites Mal
bevor wir uns trennen
Wir werden uns nie wieder sehen
so wie wir uns jetzt kennen
Die Fäden der Veränderung
werden ihre Wege weiter rennen
Wir öffnen ständig neue Bahnen
mit allem, wofür wir sonst brennen
Mit tiefster Intimität also nun
sollten wir uns gegenseitig scannen
Ein letztes Mal voll treffend
uns die Kosenamen gegenseitig nennen
Die ganze Nacht wach bleiben
unseren Traum nicht verpennen
Wir überleben die Trennung eh nicht
lass uns heute uns aneinander verbrennen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERKENNTNISSE EINES HERUMREISENDEN

Wir gehen runter
und tauchen auf -
Jede Altstadt wird bunter
beim neuen Umlauf.

Die Strassenstimmen
in unterschiedlichen Sprachen -
Und dennoch, sie stimmen,
ob sie weinen, ob sie lachen,

stimmen sie überein
mit allen Strassenstimmen weltweit.
Die innere Stimme ist niemals allein
Inmitten der Menschheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung