NACHWIRKUNG

Es gibt diesen Schmerz.
Wenn Du gehen musst
und der Abschied ohne Herz
erfolgt, weil der Frust
schon vorher gründlich
abgelebt und abgelegt
wurde, zumindest mündlich.
Jetzt gehst Du, unaufgeregt,
auf jeden Fall äußerlich,
und nach dem Du weg bist,
wunderst Du schweigend Dich,
was dieser dumpfe Schmerz ist,
der in Dir teilnahmslos sitzt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN BISSCHEN VON UNS

Ich atme die Welt ein
aber auch wieder aus,
Rausgehen ist mein
Weg wieder nach Haus.

Ein bisschen von Dir
ist genau das, was
ein bisschen von mir
brauchte doch vergaß.

Waren wir einst eins
im fernen Paradiese
unbewussten Daseins?
Die Absicht ist diese:

Heraus in die Welt!
Hinein in einander!
Zurück kehren erhellt
an und durch einander!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WELT IST ÜBERALL

Die Welt ist so groß.
Wer sie einmal da draußen gesehen hat,
wird sie auch bei sich in der Heimat
wiederfinden - sie läßt ihn nicht mehr los -
die Züge sind leicht wiedererkennbar:
der Menschengeist, schwer zu bändigen,
drückt seinen vielfältigen, lebendigen
freien Willen überall aus, immerdar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNERHALB DER VIER WÄNDE

Wie ist es bei Euch,
fragt der eine den anderen?
Schau intern bei Euch,
antwortete der andere:
Wenn Du weißt, wie es bei Euch ist,
weißt Du auch, wie es bei uns ist.
Innerhalb der vier Wände,
menscheln wir alle ähnlich.
Wände sprächen Bände,
wären sie menschlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREUNDE WIE BLUMEN

Freunde wie Blumen
Haben ihre Blütezeit.
Manch eine Freundschaft,
Die heute gedeiht,
Welkt morgen dahin
Mit oder ohne Streit,
Gerät aber niemals
Ganz in Vergessenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSUCH ES

Versuch es -
Begegne dem Fremden
als würdest Du einem Menschen
begegnen.

Versuch es -
Begegne einem Menschen
als würdest Du einem Fremden
begegnen.

Wie Du in den Wald hinein rufst
so schallt es wieder heraus.
Nah oder fern, bist Du unter
Menschen, bist Du zu Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERWANDT

Wir saßen gegenüber voneinander
in der vollen Straßenbahn,
Einander ähnlich in den Augen aller,
die uns in der Ecke sitzen sahn,
Und doch getrennt durch eine unsichtbare
Kluft, die ich deutlich ahn.

Du hier geboren und sozialisiert,
ich in einem afrikanischen Land.
Ich versuch, Deine Augen zu treffen,
doch Dein Blick bleibt abgewandt.
Ich steige bald aus, Du fährst weiter -
wir bleiben einander unbekannt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GENERATIONENÜBERGREIFEND

Wir fangen bei jeder neuen Generation
wieder von Null an,
als hätten wir nicht bereits
in der jeweils vorherigen Generation
alles gegen Hass getan
und seinen Anpassungsanreiz.

Sisyphus war kein Mensch,
er ist die Menschheitsgeschichte -
Die Hartnäckigkeit unserer Tendenz
zu reinkarnieren unsere Bösewichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEWISSEN OHNE HAFT

Das Politische ist der Brückenkopf,
löst aber selbst das Problem nicht -
Liefert nur das, womit die Volksseele
ihn erfüllt, ist also nur sein Angesicht.

Ist es hässlich, ist es wahr.
Ist es menschlich, ist es wahr.
Ist es zwiegespalten, ist es wahr.

Die Politik hat die Macht.
Die Gesellschaft hat die Triebkraft -
und sie ist aufgewacht,
hin und hergerissen, Gewissen ohne Haft.

Ist es hässlich, ist es wahr.
Ist es menschlich, ist es wahr.
Ist es zwiegespalten, ist es wahr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GLEICH UND GLEICH BEKÄMPFT SICH GERN

Gleich und gleich bekämpft sich gern,
ist Dir schon mal aufgefallen?
Denn liegt der Treffpunkt Dir viel zu fern,
wie sollte es dann widerhallen?
Der fester Fels neben Dir ist Dein Stern,
keine Steine, die im Weltall knallen.
Druck und Gegendruck, extern und intern,
halten sich, wenn sie aufeinander prallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung